Besondere Freundschaften

Kurt Peiser, Portrait de deux écoliers

Am 28. April 1912 wechselt der sechzehnjährige Alban de Bricoule nach vorheriger Beichte und Kommunion für sein letztes Schuljahr an das von katholischen Ordensleuten geleitete Pariser Gymnasium „Notre Dame du Parc“, kurz „Parc“ genannt. Grund dafür ist, dass Serge Souplier, mit dem zusammen er auf die Maucornet-Schule ging, nach Ostern das „Parc“-Gymnasium besucht. Alban hatte seine Mutter so lange bearbeitet, bis sie ihm ebenfalls den Übertritt gestattete. Alban ist in Serge verliebt.

Um ihrer beider Geschichte geht es in Henry de Montherlants Buch „Les Garçons“ (1967) „Die Knaben“ (1970). Der zwei Jahre jüngere Serge ist so ziemlich in allem das Gegenteil von Alban: aus einfachen Verhältnissen stammend, nicht gerade durch schulische Leistungen glänzend, „manchmal zeremoniell wie ein Priester, dann wieder der ärgste Strolch, charmant, gewalttätig und stets verfolgt. Unfrisiert, wie nur kleine Jungen es sein können, unfrisierter, als es seinem Alter zusteht“. Ein Gassenbub in  abgetragener Kleidung, mit einen Wortschatz, der sämtliche schmutzigen Ausdrücke enthält, und mit ebenso dreckigen, stets tintenverschmierten Händen. Trotzdem oder gerade deshalb empfand Alban von Anfang an eine Zuneigung zu ihm.

Louis Charles de Bourbon

Serge Souplier war aber nicht seine erste Liebe – „mit fünfzehneinhalb Jahren ist man ein erfahrener Liebhaber“: Das erste Wesen, durch das Alban de Bricoule die Liebe kennengelernt hatte, war sein Schutzengel, dessen Bild er in seinem Gebetbuch nicht ansehen konnte, ohne das sein Herz höher schlug; „sicher, jener Engel war sehr hübsch“. Ein Jahr später, mit acht Jahren, verliebte Alban sich in das Bild des Königs Alfons XIII., auf dem dieser aussah wie zehn. Danach verschoss er sich in den Dauphin Louis Charles de Bourbon, für den er sich hingebungsvoll geopfert hätte. Nach dem Zwischenspiel mit einer Cousine, in die er sich mit neun Jahren verliebte, hatte es ihm eine Darstellung Ismaels aus seiner Bibel angetan; der Kleine war völlig nackt mit seiner Mutter Hagar in der Wüste abgebildet. Alban las oft abends, am Bett seiner Mutter sitzend, in der Bibel, wobei sich seine Verwirrung sich umso mehr steigerte, je näher er dem betreffenden Bild kam, so dass auch seine Mutter das bemerkte. Als er nach einiger Zeit die Bibel wieder einmal zur Hand nahm, sah er, „dass jemand dem Sohn der Hagar mit Bleistift ein Höschen gezeichnet hatte“.

Seine Mutter weiß nicht nur um die Lieb- und Leidenschaften ihres Sohnes, sie nimmt daran lebhaften Anteil und fördert sie auf ihre Weise. Manchmal stellt sie ihm direkte Fragen: „Was macht denn dein Cherubino, das Wunder der Wunder?“ Alban ist das einerseits peinlich, andererseits genießt er das, vor allem, wenn auch seine Mutter ins Schwärmen gerät:

Henry O. Walker, Musa regina (Detail – 1905)

„Weißt du, ich glaube, ich habe Bonbon gesehen. Ich kam im Fiaker vom Zahnarzt, es war halb fünf, er muß aus dem Gymnasium gekommen sein; ich bin sicher, daß er es gewesen ist. Ohne Mantel, wie im Sommer. Nackte Beine, umgeschlagener Hemdkragen, blau-weiß gestreiftes Jackett mit einem Schlitz hinten. (Sie lachte.) Oh, aus seinem Gesicht sprachen alle Laster, und er spiegelte sich in den Schaufensterscheiben. Ich muß sagen, daß er wunderbar schön ist; er wirkte wie ein wandelnder, auf das Trottoir gefallener Stern. (Alban war sehr stolz auf den „Parc“ und dankte innerlich seiner Mutter.) Er ist jetzt genau in dem Alter, wo man ihm nachläuft. (Bonbon war vierzehneinhalb.) Er war sehr schick; seine Familie muß sehr reich sein …“

Besagter Bonbon gehört zu einer Gruppe von „Kleinen“, die von den Älteren im „Parc“, zu denen Alban gehört, umschwärmt werden. Gleich zu Beginn hatte Alban ihn auch kennen gelernt:

„Von der anderen Seite her sah er, umgeben von Kameraden, einen Jungen mit sehr hübschem Gesicht und nackten Waden herankommen, der etwa vierzehn Jahre alt schien. Mit seinem dunklen, gelockten Haar, das in einer klaren, natürlichen Linie über den Nacken endete und dort jene kleine dreieckige Spitze bildete, von der man in Südfrankreich glaubte, sie sei eine Glücksverheißung, und das seine sehr fein ziselierten und wenig spitzen Ohren säumte, mit seinen lachenden Augen, seinem Teint, rosig wie eine gerade erblühte Rose, seinem feinen Kinn mit seinem Grübchen, seinem sehr schmalen und geschmeidigen Wuchs erinnerte er an einen kleinen Faun. […] Der „Faun“ zog eine Schachtel mit Karamelbonbons aus der Tasche und fing an, sie unter den Großen zu verteilen, Alban eingeschlossen; und jedesmal, wenn er auch nur ein bißchen lachte, stieg ihm das Blut in die Wangen. Bald scharten sich auch andere Mittlere um den Kleinen. Sie musterten ihn bewundernd, mit offensichtlicher Erregung: man sah auf der Stelle, dass er ein König unter ihnen war.“

A propos König: In seinem Buch greift Montherlant ein Theaterstück auf, in dem er das Thema und seine Protagonisten bereits 1955 behandelt hatte: „Die Stadt, deren König ein Kind ist“ (nach dem biblischen Buch Kohelet / Ecclesiastes 10,16); es wurde 1997 verfilmt „(La Ville, dont le Prince est un Enfant“/ „The fire, that burns“).

Leo Mielziner, Portrait of a boy in sailor suit

Alban freilich bliebt seinem Serge „treu“, obgleich ihre Liebschaft durch die Tatsache, dass Serge „Interner“ ist, nur seltene Treffen erlaubt. Sie tragen aber wie das absolute Verbot solcher „spezieller Freundschaften“, die an der Schule von vielen Jungen gepflegt werden, zur Intensität der Empfindungen bei. Wie auch die unkonventionelle Art seines kleinen Freundes. Einmal trägt Serge, als sie im Sommer zusammen zu einem kleinen Jahrmarkt gehen, einen Matrosenanzug, aber – Skandal zu dieser Zeit! – ohne Einsatz und ohne Unterhemd, so dass man die nackte Brust sehen kann, dazu keine Strümpfe und Sandalen an den bloßen Füßen, was Alban nachgerade erschüttert: „Nackt, mit anderen Worten! Ein Sprößling von Wilden!“

Albert Wainwright, A picnic (Datail – 1923)

Doch wenn Alban, neben Serge sitzend, seine nackte Wade mit dem Bein berühren kann, durchrieselt ihn ein Glücksgefühl. Ganz selten trifft man sich im Schulgelände an einem der „sacratissima loca“, wie sie von den Jungen genannt werden, wo gegenseitig Berührungen und Küsse möglich sind. Droschkenfahrten mit verschlossenem Verdeck gestatten ein vor der geistlichen Leitung des „Parc“ abgeschirmtes Zusammensein. Denn den Patres sind diese Beziehungen, wie sie viele Schüler unter dem Stichwort „Protektion“ pflegen, nicht nur aus religiös-moralischen Gründen ein Dorn im Auge, sondern auch aus anderen: Abbé de Pradt, der für die „Mittleren“ zuständige Geistliche, liebt  Serge ebenfalls.

Nicht nur in diesem Motiv trifft sich Montherlants Buch „Die Knaben“ mit den „Heimlichen Freundschaften“ Roger Peyrefittes. Die Art und Weise, wie die Kinder mit den religiösen Formen, Riten und Begriffen umgehen sie pflegen, sie aber auch für ihre Zwecke nutzen und dabei eine ganz eigene Religiosität entwickeln,  ist in beiden höchst lesenswert dargestellt.

Edouard Vuillard, Two schoolboys in the Public Gardens.

Es ist das letzte Jahr Albans auf der Schule; er macht – trotz Relegation – sein Examen und nimmt im Herbst 1913 das Philosophiestudium auf.  Es beginnt eine neue Zeit für ihn, in der vor allem das gesellschaftliche Leben mit seinen Bällen und Tanzvergnügungen wichtig sind. An die Stelle der Knaben treten die Mädchen und jungen Frauen; statt der „keuschen Zärtlichkeiten“, die sich auf Händehalten, gelegentliche Küsse oder das Streicheln eines verschrammten Knies beschränkten, gibt es nun geradezu geschäftsmäßigen Sex im Stundenhotel. Sexuelle Beziehungen zu Männern oder Jungen sind für Alban unvorstellbar: „Die Tatsache, dass ein Mann einen Mann begehren könnte, hielt er für irrsinnig, ekelerregend und grotesk. Die Metamorphose eines Menschen in einen Werwolf vor seinen Augen wäre ihm nicht erschreckender erschienen als die eines Vaters von fünf Kindern in einen Mann, der bei Anbruch der Nacht loszieht, um sich Kürassiere anzulachen.“

Insofern widerspricht es nicht nur dem Wesen dieser „speziellen Freundschaften“, sondern auch dem Inhalt der Bücher Peyrefittes oder Montherlants, wenn diese von einem Schwulen-Verlag angeboten werden, mit Covern versehen, die halbnackte Twens zeigen. Besser die Filme anschauen.

 

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