Bild-schön

„Was ist denn das?“ rief da auf einmal der Vater und zeigte und zeigte auf ein großes Pastellbild in einer verschossenen, blauen Samtkapsel. […]

Federico Madrazo y Kuntz, Federico Flórez y Márquez (1842)

Es war das Kniestück eines Knaben von hinreißender Schönheit. Er hatte ein goldgesticktes Jagdgewand an, die kleine Rechte umspannte den Griff eines Hirschfängers, mit der Linken hielt er den schwarzen Federhut. Trotzig schaute er aus blauen Augen, der schmale Mund war fest geschlossen, das ungepuderte Haupthaar hing ihm in die eckige, große Stirne und fiel in schwarzen Locken auf die Schultern hernieder. Lange besahen wir das Bild. (August Sperl, Die Fahrt nach der alten Urkunde – 1902)

Knabenbildnisse spielen in etlichen Romanen eine Rolle,  ja dienen sogar als Ausgangspunkt der Erzählung, wie etwa in der Novelle „Aquis submersus“ (1876), in der Theodor Storm der tragischen Geschichte des auf einem Bild dargestellten Kindes nachspürt: „Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen, bleichen Hand hielt.“

Friedrich Huch beschreibt in seinem Entwicklungsroman „Mao“ (1907) einen verträumten Jungen, Thomas, der mit seiner Familie in einem großen alten Haus lebt, vom man sagt, dass noch Geister in ihm umhergingen. Er sucht einen Freund, findet aber keinen, verehrt eher heimlich den Klassenbesten, Alexander, der ihm mit der Zeit zu einer Art Schutzgeist des alten Hauses wird. Eines Tages wird Thomas auf ein altes Bild aufmerksam, das über dem Fußende seines Bettes hängt, ein Knabenbildnis, das seine Mutter in einer Bodenkammer gefunden und bei ihm aufgehängt hat. Thomas nennt den Dargestellten Mao und wähnt in ihm nun den wahren Schutzgeist des alten Hauses.

Den wahren Alexander suchte er zu vergessen, sein Bild, das sich oft störend zwischen seine Gedanken schob, fortzudrängen. So wollte er ihn sehen, und so sah er ihn, wie er ihm einst im Traum erschienen war, in jenem rätselhaften Traum am Morgen seiner Genesung, als er mit schon wachen Augen ihn noch immer sah, wie er ferner und ferner schwand, durch jenes Bild hindurch, das hoch über seinem Bette hing. Oftmals sah Thomas vor dem Einschlafen zu ihm hinauf, als müsse sich sein trüber unbestimmter Schimmer verdichten, als müsse die entschwundene Gestalt durch seinen Rahmen auf ihn niederschauen. Diese Sehnsucht ward immer stärker in ihm.

So lag er eines Abends wieder. Regungslos sah er empor zu dem Bilde, auf dem ein letzter Schein der Abendröte dämmerte. Da ward ihm wunderbar zu Sinn; er richtete sich halb im Bette empor und sah zu ihm hinauf, wie jemand, im Hellen stehend, in ein nahes Dunkel blickt, in dem es rauschte. Plötzlich richtete er sich ganz in die Höhe, trat zum Fußende des Bettes, auf seine breite Brüstung, faßte einen Haken in der Wand, zog sich daran empor, streckte den freien Arm nach oben, ergriff das Bild und trug es hin zum Fenster. Es war nicht mehr dasselbe Bild: Ernst blickte auf ihn, ernst und unverwandt ein Knabenkopf, wie er nie einen sah. […]

Langsam hob er den Kopf empor. Mit zager Inbrunst sah er auf das Bild, das den dunklen Blick schweigend auf ihn gerichtet hielt. Aus zarter Spitzenkrause wuchs der schlanke Hals, kostbar gesteppter, bläulicher Seidenstoff umschloß die breite Brust. Wie aus buntem Staub zusammengeweht erschien das Bild. Die Dämmerung wich dem Abend, es dunkelte sich mehr und mehr, und wie er sich darüber neigte, drang ein leises, leises Klopfen an sein Ohr, es pochte drinnen wie ein feiner Pulsschlag. Mit scheuer Hand strich er über das Glas, wie wenn er einen lebenden, träumenden Menschen berühre.

Gainsborough

Thomas Gainsborough, The blue boy (ca. 1770)

Doch das alte Haus wird schließlich verkauft. Nach dem Umzug in das neue wirkt Thomas zunächst wie seelenlos. Eines Nachts folgt er einer Stimme in das alte Haus, wo ihn in einem Abgrund das Bild Maos erwartet. Am nächsten Tag wird er dort tot aufgefunden.

Eine ganz ähnliche Beziehung zu einem Bild kann man in der Novelle „Im Schloss“ (1862) von Theodor Storm lesen; hier gehen die Erinnerungen einer Frau in ihre Jugendzeit zurück:

Um dieselbe Zeit war es, daß eine seltsame Schwärmerei von mir Besitz nahm. Im Rittersaal auf dem Bilde oberhalb der Tür befand sich seitab von den reichgekleideten Kindern noch die Gestalt eines etwa zwölfjährigen Knaben in einem schmucklosen braunen Wams. Es mochte der Sohn eines Gutsangehörigen sein, der mit den Kindern der Schloßherrschaft zu spielen pflegte; auf der Hand trug er, vielleicht zum Zeichen seiner geringen Herkunft, einen Sperling. Die blauen Augen blickten trotzig genug unter dem schlicht gescheitelten Haar heraus; aber um den fest geschlossenen Mund lag ein Zug des Leidens. Früher hatte ich diese unscheinbare Gestalt kaum bemerkt; jetzt wurde es plötzlich anders. Ich begann der möglichen Geschichte dieses Knaben nachzusinnen; ich studierte in bezug auf ihn die Gesichter seiner vornehmen Spielgenossen. […]

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Friedrich Wilhelm Schadow, Felix Schadow (Halbbruder des Künstlers – 1829)

Während ich durch den Saal ging, wandte ich den Kopf zurück und sah das Bild oberhalb der Tür von der Nachmittags sonne beleuchtet, die durch die nahe liegenden hohen Fenster schien. Das Gesicht des Knaben trat dadurch in einer Lebendigkeit hervor, wie ich es bisher noch nicht gesehen, und mich erfaßte plötzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht, es in nächster Nähe zu betrachten. Ich horchte, ob alles still sei. Dann schleppte ich mit Mühe einige an den Wänden stehende Tische vor des Oheims Tür und türmte sie aufeinander, bis ich die Höhe des Bildes erreicht hatte. Während ich mitunter einen scheuen Blick über die schweigende Gesellschaft an den Wänden gleiten ließ, mit der ich mich in dem großen Raume eingeschlossen hatte, kletterte ich mit Lebensgefahr hinauf. Als ich oben stand, wallte mein Blut so heftig, daß ich das laute Klopfen meines Herzens hörte. Das Angesicht des Knaben war grade vor dem meinen; aber die Augen lagen schon wieder im Schatten, nur die roten fest geschlossenen Lippen waren noch von der Sonne beleuchtet. Ich zögerte einen Augenblick, ich fühlte, wie mir der Atem schwer wurde, wie mir das Blut mit Heftigkeit ins Gesicht schoß; aber ich wagte es und drückte leise meinen Mund darauf. – Zitternd, als hätte ich einen Raub begangen, kletterte ich wieder hinab und brachte die Tische an ihre Stelle.

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Perugino (Pietro Vannucci), Bildnis eines Jungen (1480)

Während all diese Bilder wohl eher fiktiv sind, werden manchmal auch bekannte Bilder in einer Erzählung aufgegriffen, bekommen eine Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Erich Wolfgang Skwara greift in seinem Erstlingswerk „Pest in Siena“, ein Bild von Pietro Vannucci (Perugino) auf, wohl das „Bildnis eines Jünglings“. Es geht um die Gestalt eines alternden Don Juan, der zeitlos durch die Jahrhunderte wandelt und sich auch an einen Jüngling erinnert, seiner ersten Liebe, Giovanni, den er an die Hand nahm und Pietro Vannucci führte, zu meinem Freund aus dem stillen Perugia, damit er den schönen Knaben male. […] Das Bildnis verwahren sie jetzt in Florenz, als heimliche Krone hängt es in den Uffizien, so zärtlich und bleich wie sonst nichts in der Welt. Immer wieder muß ich dorthin, um in einer unbewachten Sekunde die Lippen des Knaben erneut zu küssen, auf daß ihre Süße mir Leben schenke, denn ich bin ein alternder Mann.“

Ein andere bekannte Knabendarstellung ist Caravaggios „Amor vincit omina“, das wegen der gleichsam zur Schau gestellten Nacktheit des Buben heute wieder in die Diskussion geraten ist (im Museum abhängen oder nicht?). In Hans-Ulrich Treichels Roman „Der irdische Amor“ (2002) macht sich Albert, ein Student der Kunstgeschichte, der dieses Bild zum Inhalt seines Referates hat, seine eigenen Gedanken dazu. Ihn fasziniert vor allem die körperliche Unbefangenheit des Knaben. „Der Amor machte ihm vor, wie man sich in seiner nackten Knabenhaut auch fühlen konnte: beneidenswert unbekümmert und selbstsicher.“ Ganz anders als dieser junge Amor hat Albert als Knabe unter seinem erwachenden Geschlechtstrieb gelitten, unter seinem Pubertätskörper und kam sich in der „unter seinen Kleidern verborgenen Nacktheit oft genug vor wie in einem zu engen und falsch vernähten Anzug“.

Und noch ein anders bekanntes Bild, Picassos „Pferdeführer“, wird literarisch verarbeitet: In Brina Svits Roman „Moreno. Eine richtige Liebesgeschichte“ von 2005 sinniert die Ich-Erzählerin über den marokkanischen Angestellten eines toskanischen Landgutes. Wie er wohl als Kind war, kann sie nicht sagen, denn es gibt von ihm kein Kinderbild. „Doch sein von Picasso gemaltes Porträt reist zu den größten Museen der Welt. Jener nackte Knabe, der sein Pferd allein durch eine wüstenartige Landschaft führt, jener Pferdeführer, das ist er. Er hat den gleichen feinen, langgliedrigen Knochenbau, und auch das honigfarbene Rosa seiner Berberhaut, das mit der Farbe der Wüste verschmilzt, ist das gleiche.“

Meist aber findet sich nur der Vergleich mit Bildern berühmter Maler, unter denen vor allem immer wieder Bartolomé Esteban Murillo genannt wird:

Lucius nahm den Jungen bei der Hand, dessen blühende Wangen ein breitrandiger, keck aufgestülpter Hut herrlich überschattete und der nun mit glänzend braunen Augen, wie aus einem Bild von Murillo herausgeschnitten, zu ihm aufsah; und von der Schönheit des Knaben überrascht, fragte er den Alten, wie er zu diesem kleinen Heiligen gekommen sei? (Adolf von Wilbrandt, Geister und Menschen – 1864)

Botticelli

Sandro Botticelli, Madonna del Magnificat (Ausschnitt – 1481)

Ernst Penzoldt suchte den Vergleich mit einem anderen, häufiger genannten Maler und dessen zahlreiche Engelbilder: Sandro Botticelli. In seiner Erzählung „Kleiner Erdenwurm“ (1934) kommt Penzoldt mehrmals auf einen Jungen zu sprechen, „den kleinen bildschönen Titus Freese“, der sich – wie die ganze Familie – etwas eigen kleidete,  in einer Art Alt-Florentiner Tracht  die ihm vortrefflich stand. „Dazu trug er ein hellrotes Mützchen. Er sah ganz aus wie einer jener Engelknaben von Botticelli, die dieser doch wohl deshalb so gemalt, weil auch er solche Gesichter für besonders schön hielt.“

Und in einer anderen seiner Erzählungen wird ein Knabenbild beschrieben: In „Die Leute aus der Mohrenapotheke“ hängt das Bildnis eines Knaben im Zimmer des Protagonisten Adrian, der seinen Onkel Peter besucht. Und bei dem Gedanken, nun oft in dessen Anblick zu wohnen und sogar zu schlafen, tritt er an das Bild heran, um es näher zu betrachten. Es ist ein etwa zehnjähriger Knabe, etwas steif gemalt, der Reifen spielt. „Sein Gesicht war von schwarzen Locken umweht, und Adrian beneidete es um seiner Schönheit willen. ‚Das bin ich‘, sagte Onkel Peter und richtete daran, denn es hing ein wenig schief.“

Sogar im Film tauchte das Motiv des Bildes eines schönen Knaben auf: in dem wohl verlorenen gegangenen Erstlingswerk Friedrich Wilhelm Murnaus „Der Knabe in Blau“ aus dem Jahr 1919.

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Gainsboroughs „Blue boy“ und das Knabenbild des Films „Der Knabe in Blau“ im Vergleich

Im Schloss der Familie von Weerth hängt das Porträt eines Knaben in Blau. Thomas von Weerth, letzter Nachkomme der Adelsfamilie, glaubt daran, die Wiederverkörperung dieses Knaben in Blau zu sein, den er immer wieder sinnend betrachtet. Auf dem Bild ist auch ein berühmter Smaragd zu sehen, den der Knabe auf der Brust trägt. Überall im Schloss beginnt er nach dem Stein zu suchen. Eines Nachts träumt Thomas  davon, wie der Knabe aus dem Bild steigt und ihn zu dem Versteck führt. Tatsächlich findet er ihn dort, als er wieder wach ist. Trotz der Warnungen seines Dieners, der Smaragd habe nur zur Unheil geführt, nimmt er ihn an sich. Doch dessen Prophezeiungen bewahrheiten sich:

O_garoto_vestido_de_azul_4Eines Tages kommt eine Gruppe reisender Schauspieler zum Schloss, darunter eine schöne Zigeunerin, in die sich Thomas verliebt.  Die Schauspieler aber nehmen ihm alles, was er noch besitzt; schließlich brennt sogar das ganze Schloss nieder, wobei wird auch das Bild zerstört und der Smaragd des Knaben gestohlen wird. –

Vielleicht hatte es mit diesem Film zu tun, dass die junge Marlene Dietrich 1922 auf einem Maskenball als „Blue Boy“ auftrat; das Kostüm blieb erhalten.

Gainsboroughs Bild und auch Oscar Wildes „Dorian Gray“ werden als Hintergrund für diesen Film angegeben; von der düster-gruseligen Handlung her kann man freilich auch an Friedrich Huchs oben genannten Roman „Mao“ denken.

 

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