„Bräunlich und schön“: Mythos „Hirtenknabe“

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Albert Tschautsch, Flötenspielender Hirtenknabe in Ruinenlandschaft (1897), Auschnitt

Ein häufig wiederkehrender Topos in der Literatur ist der „schöne Hirtenknabe“, der entweder als solcher geschaut und bewundert oder aber als Vergleich herangezogen wird: „Erstaunt bemerkte er vor sich einen bronzefarbenen, zarten Jungen, schön wie ein antiker Hirtenknabe“ (Ilse Langner, Die Zyklopen – 1960). Er scheint einer versunkenen Welt zuzugehören, wie es Gerhard Hauptmann in sein Tagebuch auf einer Reise skizziert:

Der bei uns | ausgestorbene „schöne Hirtenknabe“ ist zu beobachten. […] Es ist ein [klein] | schlanker, etwa vierzehnjähriger [Schlanker Hals] Junge. Kurze [kleine] | Löckchen stehen um den kleinen runden Kopf, der auf | einem breiten und | aufrechten Nacken sitzt. Es ist etwas Parishaftes in dem Knaben mit | seiner anliegenden Tracht und dem langen und dünnen Hirtenstabe, etwas | unbedingt Antikes. (Tagebücher 1906–1913)

Der Hirtenknabe begegnet mehrfach in der griechischen Mythologie – z. B. der von Hauptmann genannte Paris, der später den Trojanischen Krieg auslösen sollte; er war Sohn des trojanischen Königs Priamos, wurde nach der Geburt ausgesetzt und wuchs bei den Hirten am Berg Ida auf. Am Berg Ida lebte noch ein anderer Hirtenknabe, der wegen seiner Schönheit von Göttervater Zeus mittels eines Adlers in den Olymp entführt wurde, Ganymed.

Der Schriftsteller (Literaturwissenschaftler, Politiker und …) Friedrich Theodor Vischer hatte bei einer Reise in Italien eine Begegnung mit einem solch hübschen Jungen in Sorrent, wie er es in seinem Roman „Auch einer“ (1879) beschreibt; er engagierte ihn als „Cicerone“, also als Führer durch das Städtchen. Später schildert er dies in einem Gedicht (Ein Tag in Sorrent – 1888), in dem er auch den Eindruck wiedergibt, den der Junge auf ihn machte, als er zuhause von der Mutter gewaschen und umgezogen wurde:

Thorvaldsen

Bertel Thorvaldsen, Hirtenknabe (Große Porzellannachbildung um 1860)

Jetzt wie ein Gesicht, / ein erstandenes Wunder aus Griechenland, / wie ein Erosbild von Praxiteles’ Hand, / stand lächelnd der nackte Knabe da. / Nicht schöner, nicht anmutleuchtender sah / einst Vater Zeus von Olympos’ Höhen / am Ida den Hirtenknaben stehen.

Seine künstlerische Idealfigur fand der Hirtenknabe in einer Skulptur von Bertel Thorvaldsen. Dazu heißt es in dessen Biographie von Just Mathias Thiele: „Als Thorvaldsen die Gruppe Ganymed mit dem Adler modellierte und der schöne Knabe, der ihm zum Vorbild des Ganymed diente, einen Augenblick ausruhte, rief er ihm plötzlich zu: ,Sitz ruhig, rühre Dich nicht!‘ Der Knabe war in eine so schöne Stellung geraten, daß Thorvaldsen wünschte, dieses Motiv in seiner ganzen Naivität festzuhalten. Er ergriff den Ton, und wenige Augenblicke später war die Skizze zu der berühmten Statue des Hirtenknaben angelegt.“ 

Ein anderes Vorbild des schönen Hirtenknaben ist der biblische David; im Alten Testament wird beschrieben, wie Gott den Propheten Samuel nach Betlehem sendet, dass er einen von Isais Söhnen zum König salbt.

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Jeremias Christensen (1859–1908), Hirtenknabe

„Und Samuel sprach zu Isai: Sind das die Knaben alle? Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; und siehe, er hütet die Schafe. Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und lass ihn holen; denn wir werden uns nicht setzen, bis er hierherkomme.  Da sandte er hin und ließ ihn holen. Und er war bräunlich, mit schönen Augen und guter Gestalt. Und der HERR sprach: Auf! und salbe ihn; denn der ist’s.“ (1 Samuel 16,10–12)

Ein zweites Mal wird David als Hirtenjunge im Kampf der Israeliten gegen die Philister beschrieben. Während drei seiner älteren Brüder im Heer dienen, hütet David als der Jüngste die Schafe seines Vaters Isai. Der schickt ihn eines Tages zu seinen Brüdern, dass er ihnen Brot bringe und dabei auch nachsehe, ob es ihnen gut geht. Bei dieser Gelegenheit erlebt David erstmals den Philisterkrieger Goliath. Da sich keiner der Israeliten dessen Herausforderung zum Kampf stellt, unternimmt es schließlich David – hat er doch als junger Hirt bereits einen Bären und einen Löwen getötet. Als Bewaffnung wählt er sich fünf glatte Steine für seine Schleuder und tritt so vor den Philister.

„Da nun der Philister sah und schaute David an, verachtete er ihn; denn er war ein Knabe, bräunlich und schön.“ (1 Samuel 17,42)

„Bräunlich und schön“: Diese Worte der Lutherübersetzung wurden gern zitiert; Eckart von Naso etwa beschreibt so den kleinen Chevalier von Villiers: er wuchs auf,  „wurde bräunlich und schön, wie der Knabe David der Bibel“ ((Die große Liebende  1950). Vor allem aber gleich mehrmals von Karl May. In „Winnetou II“ trifft Old Shatterhand kurz vor New Venango in der Prärie den jungen Harry, dessen Äußeres, wie öfter bei Mays Jungengestalten zu beobachten, schon den besonderen Charakter zeigen soll:

Nicht so klar war es mir, was ich eigentlich aus dem interessanten Jungen machen sollte. Er verriet eine Kenntnis des Westens und eine Übung in den hier notwendigen Fertigkeiten, dass ich wohl Ursache hatte, auf ganz besondere Verhältnisse zu schließen. Es war daher wohl kein Wunder zu nennen, dass mein Auge mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit auf ihm ruhte. Er ritt jetzt eine halbe Pferdelänge vor und der Schein der sich dem Horizonte zuneigenden Sonne umflutete ihn mit goldenen Lichtstrahlen. „Bräunlich und schön“, wie die heilige Schrift von dem Knaben David erzählt, zeigten seine eigenartigen Züge trotz ihrer noch jugendlichen Weichheit eine Festigkeit des Ausdruckes, welche auf frühzeitige Entwicklung des Geistes und kräftige Energie des Willens schließen ließ, und in der ganzen Haltung, in jeder einzelnen seiner Bewegungen sprach sich eine Selbständigkeit und Sicherheit aus, welche unbedingt verbot, das jugendliche Wesen als Kind zu behandeln, obgleich der Knabe nicht über sechzehn Jahre zählen konnte.

In seinem Roman „Die Jünger Jesu“ von 1947, der von einer Jungengruppe im zerstörten Würzburg nach dem II. Weltkrieg handelt, beschreibt Leonhard Frank auch die einzelnen „Jünger“ und erinnert sich ebenfalls an die biblische Geschichte; einer der „Apostel“ mit Namen   Philippus, war „ein auffallend schöner Knabe“, der aus der Bibel, „wo der Knabe David mit einem Stein aus seiner Schleuder den Riesen Goliath tötet“, herausgestiegen zu sein schien in die Gegenwart.

Als Abbild des biblischen David kann der Hirtenknabe aber auch als Typos Jesu fungieren, der sich selbst ja als „guter Hirte“ bezeichnet hat, und dessen göttlich-schönes Wesen versinnbildlichen.

Elizabeth Jane Gardner

Elizabeth Jane Gardner, The shepherd David (ca. 1895)

1935 brachte Ernst Wiechert seine „Hirtennovelle“ heraus. Sie handelt von Michael, der bereits als Zwölfjähriger zum Hirten seines Dorfes wird. Mit großer Würde, „einem der großen königlichen Hirten nicht unähnlich“, führt er jeden Tag, mit Rinderhorn, Peitsche und Schleuder ausgestattet und begleitet von seinem Hund, die Tiere des Dorfes auf die Weide am Wald. Als Michael eines Tages mit dem ebenfalls noch jungen Hirten eines anderen Dorfes um die Nutzung der Weide am Wald kämpfen muss, greift er, wie sein alttestamentliches Vorbild David, zur Schleuder und besiegt den größeren und stärkeren Jungen, der ihn daraufhin nicht mehr bedrängt. Wenige Jahre später gerät das ostpreußische Dorf in den Sog des Ersten Weltkriegs. Die Dorfgemeinschaft sucht angesichts russischer Bedrohung ein Versteck im Wald, das ihnen Michael weist. Und während die russischen Reiter sich schon nähern, läuft ein Lamm aus dem Versteck auf die Wiese und droht, sie alle zu verraten. Statt in Sicherheit zu bleiben, geht Michael dem Lamm nach, das die Russen entdecken und requirieren wollen, und verteidigt es mit seinem Leben.

MikhailNesterov

Mikhail Nesterov (1862–1942), Junger Hirte mit Flöte

Am Grab hält sein alter Lehrer eine ergreifende Rede, in der er sagt, dass Michael, „dieser junge und adlige Mensch“, nicht für das Vaterland gestorben sei, auch nicht für den Kaiser und für keinen Thron oder Altar dieser Erde. Sondern für das Lamm des armen Mannes sei er gefallen, von dem schon die Bibel spricht, und in dem  alle Vaterländer und Kronen beschlossen seien, „denn keinem Hirten könne Größeres beschieden sein als der Tod für das Ärmste seiner Herde“. Für ihn selbst aber sei die späte und milde Sonne seines Lebensabends von diesem Kind gekommen.

http://www.ernst‑wiechert.de/Ernst_Wiechert_Hirtennovelle.htm

 

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