Brüder

Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab eine sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schön wie der Tag, in farbigen Jäckchen, die man eher für aufgebundene Hemdchen gehalten hätte, sprangen einer nach dem andern herunter, und Wilhelm fand Gelegenheit, sie näher zu betrachten, als sie vor ihm stutzten und einen Augenblick stillhielten. Um des ältesten Haupt bewegten sich reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken mußte, wenn man ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der sich mit Gefallen über seine schöne Gestalt verlor. Der zweite, mehr einen Freund als einen Bruder vorstellend, war mit braunen und schlichten Haaren geziert, die ihm über die Schultern herabhingen und wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu spiegeln schien.

Nicolaes Maes, Zwei Brüder als Jäger in einer Landschaft (1661)

Schöne Brüder tauchen in der Literatur häufig auf – wie hier in Johann Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (1821). Ihre Schönheit kann durchaus zum „Markenzeichen“ werden wie bei Cesar und Roman aus Ralph Giordanos autobiographisch gefärbtem Roman „Die Bertinis“ (1982), die sich wegen ihres mädchenzarten Aussehens von den übrigen Schulkameraden abheben. Wie auch die beiden Brüder in Adolf  Schmitthenners Roman „Ein Wort“ (1908):

„Recht und schlecht lebte sie in ihrem Witwenstande. Es fand sich Gelegenheit, die Bäckerei gut zu verkaufen. Sie erwarb sich ein kleines Häuschen am Ende des Städtchens, und mit Hilfe ihrer verheirateten Brüder baute sie die Äcker ihres Mannes und ihr eignes kleines Erbgut. Die beiden Söhne erzog sie sorgfältig.

Sophie Fremiet (Rude), Two boys

Es waren zwei hübsche Knaben. Der ältere war schlank und blond, von zierlichem und doch kräftigem Körperbau mit anmutigen Bewegungen. Der jüngere war von derberer Art, er schlug mehr in der Mutter Geschlecht und hatte deren rasche heftige Art. … Durch einen gemeinsamen Zug unterschieden sie sich von allen ihren Kameraden. Sie waren immer säuberlich, ja zierlich gekleidet, und schon als Kinder hielten sie auf hübsche Gewandung, stattliches Aussehen und ein gewähltes Benehmen. Von ihren Kameraden wurden sie die Gassengrafen genannt.

Und manchmal sticht auch einer besonders aus der Brüderschar hervor – was dann schon wieder zu denken gibt …

Parmigianino, Camilla Gonzaga und ihre drei Söhne, um 1540

Ahlemanns Herz jagte mit einemmal, als er so dicht vor Else stand, die Röte kroch ihm bis in die Stirn hinauf, das fühlte er und konnte es nicht hindern, der Mann von fünfunddreißig Jahren kriegte nasse Hände wie ein Sechzehnjähriger, der zum erstenmal nach einer Weiberbrust faßt. Viel mehr aber als Elses Anblick erregte den Mann, daß sie nicht mit zwei Söhnen gekommen war, sondern daß da noch ein dritter stand, ein bildschöner Junge. So übersah er zuerst, daß ihm Else die Hand bot, dann griff er danach, und Else schauderte ein wenig, weil seine Finger feucht waren und kalt. Ahlemann blickte an Else vorbei auf den Schönen. ‚Du hast noch einen Sohn?‘ Else nickte. ‚Hübscher Junge, nicht?‘ ‚Wie alt ist er?‘ ‚Er wird elf.‘ ‚Dann ist er sechsundvierzig geboren.‘ „Ja“, sagte Else und zeigte lächelnd alle Zähne. ‚Im Januar.‘ […]

Wenn Else bei Laune war, nannte sie den Jüngsten zärtlich Schanno, was offenbar Jeanot bedeuten sollte und auf deutsch soviel wie Hänschen heißt. Im Dorf wurde mancherlei gemunkelt und vermutet wegen des besonderen Namens. Die großen Lümmel hießen Fritz und Kurt, weshalb also nannte sie den Kleinen so ausländisch? Freilich konnte jedermann sehen, daß er von anderer Art als die Brüder war, feingliedrig, beinahe schwarzhaarig und lang bewimpert wie ein Mädchen. Else lächelte, als sie den Hübschen sah …“ (Helmut Sakowski, Verflucht und geliebt – 1971)

Natürlich gibt es auch Brüder mit teilweise erheblichem Altersunterschied, die trotzdem – oder gerade deshalb – aneinander hängen:

Aus der Kirche drang mit den dunklen, weichen, tremolierenden Männerstimmen ein gemischter Duft von Wachs, Honig und Weihrauch, der wie der Geruch dieses Gesanges war. Nun fing die frauenhafte Stimme wieder an, absatzweise nachzusingen. Aber andre ähnliche Stimmen aus dem gleichen offenen Fenster, nicht weit von meinem Balkon, fielen ein, halblaut und nicht ernsthaft, es wurde ein Scherz daraus, die schöne Stimme brach ab, und nun wußte ich, daß es Knaben waren. Zugleich kamen ihre Köpfe ans Fenster. Einer war darunter sanft und schön, wie ein Mädchen, und das blonde Haar fiel ihm über die Schultern bis an den Gürtel. Andre von den Klosterknaben standen unten im Hof und sprachen hinauf: „Der Bruder!“ riefen sie, „der Bruder! Der Hirt! Der Hirt!“

Jean Broc, Der Tod des Hyazinth (1809)

Später kam ich dazu, wie die Brüder voneinander Abschied nahmen. Der junge Hirt stand im Licht der untergehenden Sonne, dunkel, schlank und kriegerisch; hinter ihm die Herde und die Hunde. Er hielt in der starken dunklen Hand die kleine Hand des Knaben mit den langen Haaren. Ein Mönch im schwarzen Talar, aber ein noch junger, bartlos, ein Novize, ein zwanzigjähriger Schöner mit einem Lächeln, das um den jungen Mund und die glatten Wangen gedankenlos und eitel, aber in der Nähe der schönen dunklen Augen ergebungsvoll und wissend war, trat ins halboffene Tor. Er rief den Knaben nicht an, er winkte nur. Die Gebärde seiner erhobenen Hand war ohne Ungeduld. Er war nicht der Befehlende, er war der Übermittler des Befehls, der Bote. Auf einen kleinen Altan über dem Torweg trat ein älterer Mönch heraus. Er stützte den Ellenbogen aufs Geländer, den Kopf auf die Hand, und sah gelassen zu, wie der Befehl überbracht und wie er befolgt wurde. Der Novize neigte sich für ihn kaum merklich oder lächelte auch nur um ein kleines ergebener und glänzender. Der schöne Knabe ließ die Hand des Bruders los und lief zu dem Novizen hin. Der Hirt wandte sich und ging sogleich mit großen ruhigen Schritten landein, bergab. (Hugo von Hofmannsthal, Das Kloster des Heiligen Lukas – 1908-12)

Ivan Makarov, Zwei griechische Brüder (um 1850)

Eine fast schon erotische Brüder-Szene entwarf Wilhelm Speyer in seinem vielfach aufgelegten und mehrfach verfilmten Schüler-Roman „Der Kampf der Tertia“ (1928). In den Reihen der Schüler dieses Jahrgangs befindet sich auch Otto Kirchholtes, ein Junge mit einem „engelhaft schönen Haupt“. Sein Bruder Alexander ist einige Klassen über ihm – und eines Tages besucht dieser von allen Schülern hoch geschätzte Bruder die in ihrem Schlafsaal versammelte Tertianer, weil es über eine nächtliche Aktion der Klasse zu sprechen gilt. Alexander setzt sich dazu auf das Bett Ottos und beginnt seine Ausführungen, „während seine Hand das blonde Haar seines Bruders streichelte, der mit geschlossenen Augen diese Liebkosung ertrug“. Alexander Kirchholtes sprach zu der Tertia hin, dass ihre Aktion der Schule viele Ungelegenheiten bereitet hat und es Klagen gegen Sachbeschädigung geben würde. – Ein anderer Schüler der Tertia, Reppert, soll ihm das erklären.

Reppert stand von seinem Bett auf und setzte sich auf das Bett des jungen Kirchholtes, so, dass er Schulter an Schulter neben dem älteren saß, und er nahm Ottos Hand in seine Hand. Auf diese Art hatten sie beide ihren Teil an dem Knaben, dessen Haupt auf den Knien des Bruders ruhte, während seine Hand von der Hand des Klassenkameraden umschlossen wurde. So bildete der Leib des lässig und schmeichlerisch daliegenden Kindes eine Verbindung zwischen den beiden andern, wie der Leib eines Kindes den Streit der Eltern lindert und den Vater zu der Mutter und die Mutter zu dem Vater zurückführt.“ Während der ganzen Unterredung ruhte das Haupt des Bruders, der mit großen Augen zu ihm aufsah, auf Alexanders Knien. Erst als er aufstand, um wieder zu gehen, legte er „dieses Haupt mit fast zarten Händen auf das Kissen zurück“.

Thomas Benjamin Kennington, Orphans (1885 – Ausschnitt)

 

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