Cupido & Co.

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Richard Cosway, Miniatur von Henryk Lubomirski, graviert von Francesco Bartolozzi (1787)

Lange vor Tadzio aus Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ (resp. dessen Darsteller in der Verfilmung!) war ein anderer polnischer Knabe für kurze Zeit zum Schönheitsideal avanciert: der junge Adlige Henryk Ludwik Lubomirski (1777–1850). Er galt als Wunderkind und als einer der hübschesten Knaben seiner Zeit überhaupt. Er war offensichtlich von so anziehendem Äußeren, dass er von Künstlern und vor allem Künstlerinnen (Elisabeth Vigée-Lebrun, Angelica Kauffmann und Anne Seymour Damer) immer wieder gemalt bzw. (sogar als Akt) modelliert wurde. Gefördert wurde das von seiner Tante, der Prinzessin Izabela Lubomirska, die sich seiner Erziehung nach den Rousseauschen Prinzipien der Natürlichkeit annahm und mit ihm quer durch Europa reiste. „Die Schönheit des Kindes und der seelenvolle, kindliche Ausdruck seines ebenmäßigen Gesichts schienen ihr die Harmonie einer unverbildeten Natur widerzuspiegeln, wie Rousseau – den sie schwärmerisch verehrte – sie immer wieder beschrieben hatte, so dass sie den jungen Prinzen sogar ihren ‚Emile‘ nannte“ (Henning Block, Ein Bildnis von Prinz Heinrich Lubomirski, 1977). Auch Johann Caspar Lavater, der mit Izabela Lubomirska befreundet war, sprach begeistert über die Schönheit des Knaben und verfasste eine Analyse seiner Physiognomie.

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Elisabeth Vigée-Lebrun, Henryk Lubomirski als Genius des Ruhmes (um 1789)

Die Prinzessin gab immer wieder Darstellungen des geliebten Kindes in Auftrag, meist in Form von Allegorien: Henryk als Cupido oder Amor oder Genius des Ruhms, als Bacchus, ja sogar als der junge Johannes der Täufer – Huldigungen „an die Schönheit dieses Kindes über das individuelle Abbild hinaus zum zeitlosen, idealen Bild der Jugend übersteigert“ (H. Block).

Die genannten Allegorien dienten auch in der Literatur lange Zeit als Illustration einer Knabenschönheit, wie schon am Beispiel des jungen Johannes gezeigt wurde. Ob zum Vergleich tatsächliche Bilddarstellungen oder Skulpturen dienten, sei dahingestellt – in jedem Fall waren es gängige topoi, die man, auch ohne ein konkretes Bild vor Augen zu haben, sogleich mit Schönheit verband – im klassisch gebildeten Bürgertum allemal.

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Antonio Canova, Henryk Lubomirksi als Amor (1786) – Detail

So sieht auch Thomas Manns alter Ego Gustav Aschenbach in der Novelle „Der Tod in Venedig“ den jungen Tadzio, wie er den Speisesaal betritt,  „in einem leichten Blusenanzug“, der „am Halse von einem einfachen weißen Stehkragen abgeschlossen“ ist. Und natürlich erscheint er Aschenbach in einem antiken Bild, wenn es heißt, dass auf diesem Kragen „die Blüte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz“ ruht,  „das Haupt des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und ernsten Brauen, Schläfen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt“.

Und in seiner Erzählung „Wie Jappe und Do Escobar sich prügelten“ (1911) beschreibt er den jungen Johnny Bishop, wie er nackt im Sand unter dem Balken- und Bretterwerk der Badeanstalt in Travemünde liegt, mit erhobenen Armen, den Kopf in die schmalen Hände gebettet, „wie ein kleiner magerer Amor“.

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Antonio Canova, Henryk Lubomirksi als Amor (1786)

In Friedrich Spielhagens Roman „Problematische Naturen“ von 1861 überkommt den Hauslehrer Dr. Oswald Stein die reine Bewunderung angesichts des älteren der beiden ihm anvertrauten Knaben:

Die classische Statue eines Merkur, oder jugendlichen Bacchus konnte nicht zarter gegliedert, nicht ebenmäßiger geformt sein, als Bruno’s schlanker und bei aller Schlankheit starker Körper. Für Oswald war es schon eine Lust, den Knaben nur gehen zu sehen. Er war entzückt, wenn er Bruno beim Baden am Strande des Meeres beobachten durfte, wie der Knabe von einem Felsblock zum andern sprang, mit einer Sicherheit, die das Gefühl der Furcht gar nicht aufkommen ließ, bis er den am weitesten hinausliegenden erreichte, von dem er sich kopfüber in die Wellen stürzte.

Immer wieder also Eros, Amor, Bacchus, die geradezu als austauschbar erscheinen – kleine hübsche Gottheiten eben. In Mario Vargas Llosas erotisch-schelmischem Roman „Lob der Stiefmutter“ (1988/89) kann die 40jährige Doña Lukrezia ihren kleinen Stiefsohn Alfonso immer nur verzückt betrachten, um dabei festzustellen, dass so „die griechischen Götter“ gewesen sein müssen, „die Amoretten der Gemälde, die Pagen der Prinzessinnen, die kleinen Geister aus Tausendundeiner Nacht, die Spintrien aus dem Buch von Sueton“. Als „kleinen heidnischen Gott“ bezeichnet sie ihn in Gedanken.

Noch einmal zu Henryk Lubomirski: Die Situation, in der er Modell für Maler und Bildhauer saß oder stand, findet sich auch in der Literatur wiederholt beschrieben.

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Antonio Canova, Porträt Henryk Lubomirskis als junger Johannes der Täufer (um 1786)

Ich war zehn Jahre alt und schön wie Cupido. Ein geschätzter Maler, welcher mich auf der Straße bemerkt hatte, nahm mich zu sich, um ihm als Modell zu dienen, und machte einen heiligen Johannes den Täufer als Kind, dann einen Giotto, hernach einen lehrenden Jesus im Tempel nach mir, und als er mein Gesicht satt hatte, schickte er mich mit zwanzig Goldstücken fort, indem er mir anempfahl, mich etwas besser zu kleiden, wenn ich mich irgendwo anbieten wolle, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. (George Sand, Teverino – 1845/46)

Ganz ähnlich klingt das in einem Text von Charles Baudelaire; wieder sieht man die verschiedenen „Erscheinungsformen“, unter denen man einen schönen Knaben präsentieren konnte bzw. durfte (oder musste). Christliche wie nicht-christliche Motivik erscheint dabei völlig austauschbar.

In dem abgelegenen Viertel, das ich bewohne, wo weite Rasenflächen die Gebäude noch voneinander trennen, beobachtete ich oft einen Knaben, dessen leidenschaftlicher und schalkhafter Gesichtsausdruck, stärker als alle anderen, mich von Anfang an reizte. Er hat mir mehr als einmal Modell gestanden, und ich habe bald einen kleinen Zigeuner, bald einen Engel, bald einen mythologischen Liebesgott aus ihm gemacht. Ich habe ihn die Geige des Landstreichers, die Dornenkrone und die Nägel der Passion und die Fackel des Eros tragen lassen. Schließlich fand ich ein so lebhaftes Vergnügen an dem drolligen Gebaren dieses Burschen, daß ich eines Tages seine Eltern, arme Leute, bat, ihn mir zu überlassen gegen das Versprechen, ihn ordentlich zu kleiden, ihm etwas Geld zu geben und ihm keine andere Arbeit aufzuerlegen als meine Pinsel zu reinigen und meine Besorgungen zu machen. Der Junge, sauber gewaschen, wurde ganz reizend, und das Leben, das er bei mir führte, schien ihm wie ein Paradies im Vergleich zu dem, das er in der väterlichen Bude hätte ertragen müssen. (Charles Baudelaire, Der Strick – 1868/69)

Baudelaire hat diese Erzählung dem befreundeten Maler Édouard Manet gewidmet, der einen Jungen als Ateliergehilfen hatte, Alexandre, der ihm auch Modell stand (z. B. für das Bild „Knabe mit Kirschen“) und sich tragischerweise schon in ganz jungen Jahren erhängte (deshalb der Titel).

Als ephebenhaftes Modell für Figuren „aus der griechischen Sagenkunde“ diente auch der junge Felix Krull seinem malenden Patenonkel Schimmelpreester, war er doch „überaus angenehm und göttergleich gewachsen, schlank, weich und doch kräftig von Gliedern, goldig von Haut und ohne Tadel in Hinsicht auf schönes Ebenmaß“, wie er nicht ohne Selbstgefälligkeit erzählt (Thomas Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull – 1954).

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Angelica Kauffman, Porträt von Prinz Henryk Lubomirski als Cupido (1786)

Vom geflügelten Amor oder Cupido bis zum Engelknaben – bzw. umgekehrt – ist es kein weiter Weg. Als „l’ange“ – Engel – hat Johann Kaspar Lavater den Prinzen Henryk bezeichnet. Doch der Engelknabe ist wieder eine ganz andere Geschichte.

 

 

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