„Das Bild eines Ganymed!“

„Er war … ein schöner Knabe, den die Dichter seiner Zeit, wäre er ihnen als Prinz und nicht im Zwillichkittel und barfuß erschienen, ohne Umstände mit einem Ganymed … verglichen haben würden.“ (Heinrich Zschokke, Der Pascha von Buda – 1812).

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Benedetto Gennari der Jüngere, Ganymed

Was Heinrich Zschokke Anfang des 19. Jahrhunderts als passender Vergleich selbstverständlich war, ist es heute wohl kaum noch: Wer kennt noch Ganymed, für wen ist dieser Jüngling aus der griechischen Mythologie noch schlechthinniges Bild der Schönheit, das er vielen Schriftstellern war? Es ist nicht verwunderlich, dass er als Ideal eines schönen Knaben besonders in der Literatur des 19. Jahrhunderts und davor begegnet.

Der Hirtenknabe auf dem Berg Ida stach in seiner Schönheit dem Göttervater Zeus ins Auge, so dass er ihn mit einem Adler, in den er sich selbst verwandelt hatte, in den Olymp entführte und ihn dort zu seinem Mundschenken machte – und auch zu seinem Geliebten …

Es sind verschiedene Aspekte, unter denen der schöne Knabe mit Ganymed in Verbindung gebracht werden kann; die bloße Schönheit ist die eine.

Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den würzigen Kräutern und bescheidenen Blumen, den Kopf auf den Arm gestemmt, in die Gegend blickte, die ihm, dem Unruhigen und Rastlosen, so viel Friede in die Seele goß, verweilte sein Auge … auf einem ältern Manne und einem Knaben, die beide hinter dem Thurme dahergeschritten kamen und sich wie er in der Gegend umschauten. Es war dies jener Fremde, der Ackermann heißen sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in der Krone Nachmittags eingefunden hatte. Der zierliche, außerordentlich behende, schöne Knabe, der ihn begleitete, war sein Sohn. […] Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht, wohl aber sein kleiner Begleiter, der sein grüßendes Nicken mit Anmuth und so bescheiden erwiderte, daß er vor Verlegenheit roth wurde. Welch‘ ein anmuthiges Kind! sagte Dankmar unwillkürlich, als Beide vor ihm auf der Landstraße der Ebene zuschritten. So behend, so zärtlich, so verschämt! Das Bild eines Ganymed! (Karl Gutzkow, Die Ritter vom Geiste – 1850/51)

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Henry Oliver Walker, Ganymede (Library of Congress, Washington, DC), 1900

Die Entführung durch den Adler ist immer wieder ins Bild gebracht worden, wobei die Darstellung des Entführten altersmäßig eine ziemliche Bandbreite aufweist: Vom aus Angst pinkelnden Kleinkind  bei Rembrandt reicht sie bis zum ausgewachsenen jungen Mann. Ganymede ist der „Prototyp“ des ob seiner Schönheit gekidnappten Knaben, und in diesem Zusammenhang begegnet er auch in der Literatur.

OttoBraunAls einen Ganymed unserer Zeit sah der Publizist Heinrich Braun seinen bildhübschen und hochbegabten Sohn Otto, der schon in frühen Jahren literarisch hervortrat und tragischerweise, wie unzählige andere, mit jungen Jahren im I. Weltkrieg fiel.  Als seine Frau Lily, eine bekannte Frauenrechtlerin, ihm einmal voller Stolz berichtete, dass der Zwölfjährige Aufsehen errege und selbst ältere Herren geradezu herzlich mit ihm befreundet seien, schrieb der Vater:„Ottochen ist ein so wundervolles Kind, doppelt bezaubernd durch Körper und Geist, daß ihn, in den seligen olympischen Zeiten, Zeus statt des Ganymed hätte entführen lassen.“ Und im Blick darauf warnte er: „Ähnliche Neigungen, wenn auch weniger göttlicher Art, gibt es auch jetzt …“ (vgl. Julie Braun-Vogelstein, Ein Menschenleben. Heinrich Braun – 1932).

Auch im Zusammenhang seiner Aufgabe als Mundschenk der Götter, in der er Hebe, die Tochter des Zeus und der Hera, abgelöst hatte, begegnet Ganymed als Vorbild mancher Knaben: „Siehst du, Leaena,“ begann der Abt mit schwerer Zunge, „was der Junge, der Theodoret, für weiße Glieder hat? Er ist schöner als du. Er wird dich ablösen in meiner Gunst, wie Ganymed bei Vater Zeus Frau Hera verdrängt hat. Ich merkte es schon, als ich ihn geißelte, Ich dachte nicht damals, als ich ihn so hart züchtigte … daß er sobald unseres Vertrauens sich würde wert erweisen. Ja, ja, Knabenschöne geht über Mädchenschöne.“ – „Nicht immer,“ lachte die Schwarzlockige. „Nicht vielen weich ich. Nicht viele Jünglinge sind so schön … (Felix Dahn, Julius der Abtrünnige – 1893)

Hübner

Julius Hübner, Junge mit Weinglas, 1845

Das Einzapfen des Weines aber, des goldenen, und wie der aufsteigende Duft verräth, wirklich trefflichen Getränkes in mehr als billig großen Gläsern, die ursprünglich zum Genusse von Bier bestimmt gewesen scheinen, besorgt ein hübscher blonder Knabe, den wir dreist als Piet te Kloot ansprechen können; denn wahrlich, er und kein anderer ist der jugendliche Ganymed. Er sieht heute wirklich wunderlieb aus; seine schönen, dunkelblauen Augen, begeistert von dem Dufte des Weines, den er kredenzt, flammen in aetherischem Lichte; seine Wangen sind hold geröthet und um seinen feinen und zarten Mund spielt die holdeste, kindliche Freundlichkeit. Er trägt ein niedliches Matrosenkostüm, ein zierliches Jäckchen von feinstem blauen Tuche mit blanken silbernen Knöpfen schließt sich an die Höschen, die blau wie das Jäckchen von der Länge nach verlaufenden weißen Streifen anmuthig durchzogen werden. Auf dem Flachsköpfchen aber trägt das Bübchen eine rothe, phrygische Mütze, wie sie in Neapel die Schiffer und Lazzaroni tragen; gestern erst auf dem Jahrmarkt hat sein Vater ihm die köstliche, wirklich ächt italienische Schifferkappe gekauft und wunderschön steht sie dem niedlichen Jungen zu Gesicht. Eben nun nimmt der alte te Kloot ein frisch gefülltes Glas aus der Hand des Jungen; er kann den Blick nicht verwenden von dem holden Knaben, doch er bezwingt sich und das Glas hoch in die Luft hebend, sagte er: „Dies Glas, Mijne Heeren! Leere ich auf den glücklichen Anfang unseres Unternehmens!“ (Waldemar Nürnberger, Die neue Brücke – 1858)

Troshev

Jevgenij Troshev, Junge mit roter Badehose

Und auch die sexuelle Beziehung zwischen Zeus und Ganymed wird literarisch zitiert, nicht nur bei dem Dichter Klabund (Gedicht: „Ganymed“ – 1922). In dem Roman „Tod in Rom“ von Wolfgang Koeppen geht der „Tonsetzer“ Siegfried Pfaffrath in Rom zum Tiberufer und beobachtet einen schönen Knaben der von den zwei hässlichen Strichjungen verfolgt und zu Boden geworfen wird. „Aber der schöne Knabe  lag zwischen ihnen, rauh angepackt, nicht von Adlerfängen, von scheußlichen unreinen Geiern, Zeus-Jupiter war tot, auch Ganymed war wohl tot, ich verfluchte mich, ich stieg zu den Toten hinab hinab ins Verlies war  er gestiegen, einen Wehrgang hinunter, tief und tiefer wand sich der düstere, nur von spärlichem Lampenschein erhellte Weg in den Leib

Ich nahm Ganymed mit in die Zelle, ich löste das rote Dreieck von seinem Geschlecht, ich sah den Knaben an, er war schön, und Glück und Traurigkeit erfüllten mich beim Anblick seiner Schönheit“

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