Das Wunderkind

„Es ist nun lange, wohl fast vierzig Jahre her, daß sie in unsere kleine Stadt einzogen. Wir standen am Bahnhof, tuschelten und reckten die Hälse. Eine unmäßig dicke, weißgekleidete Dame mit wippendem Federhut, augenscheinlich die Mutter der Wunderkinder, rauschte über den Bahnsteig, zur Linken ein zierliches, kokettes Mädchen, das durch seine leuchtendroten Haare auffiel, und zur Rechten einen grazilen, scheuen Knaben mit überaus großen, dunklen Augen.“

Harlamoff-ChildrenPaulPavlovitsch Kopie

Alexei A. Harlamoff, Die Kinder des Paul Pawlowitsch (1883 – Ausschnitt)

Mit diesen Worten beginnt eine Erzählung von Werner Schumann, in der es auch um eine Freundschaft zu einem musikalischen Wunderkind geht, das den Ich-Erzähler vom ersten Wahrnehmen an in Bann schlägt: „Während meine Kameraden die zierlich dahintrippelnde kleine Tänzerin anstarrten, fesselte mich vom ersten Augenblick an der pagenhafte, ängstliche Knabe. Nicht weil er ein gefeierter Violinvirtuose war, sondern um seiner glühenden Augen willen, in deren dunklem Feuer für mich ein seltsamer Zauber lag. Als sie mich, wie er so abwesend an der Seite seiner respektablen Mama über die Stufen des Stationsgebäudes in die Stadt schritt, im Vorübergehen streiften, fühlte ich es bis ins Herz.“ Am nächsten Morgen gibt es ein für ihn beglückendes Wiedersehen, denn in der Schule wurden die beiden Banknachbarn für die Dauer des  Gastspiel der Wunderkinder von acht Tagen. (Werner Schumann, Die Wunderkinder – 1958)

Noch als Schüler erhält Jons Ehrenreich Jeromin die Möglichkeit, das Konzert eines „Wunderkindes“ zu besuchen. Er selbst ist ja etwas Besonderes, auch wenn ihm das selbst nicht bewusst ist. Aber kein anderer hatte es geschafft, aus dem kleinen masurischen Dorf Sowirog in die Stadt auf die Schule gehen zu können. Er hatte kein Programm gekauft, sondern die gespielten Stücke draußen an der Tür den Konzertsaales auf einem Zettel angesehen und sich eingeprägt. Wie ein Traum erschien es ihm, als den Saal betrat, nur die  Konzertkarte in den Händen, die noch vor nicht langer Zeit schwarz vom Ruß des Meilers seines Vaters in Sowirog gewesen waren.

Als ein leises Glockenzeichen ertönte, eine kleine Tür an der Seitenwand des Podiums sich öffnete und ein Knabe im blauen Matrosenanzug in ihr stehenblieb, die schüchternen Augen in das Licht und in die vielen, vielen Gesichter gewendet, indem ein Sturm des Beifalls durch den Saal brauste, stand er so ehrfürchtig auf wie in der Schule, wenn der Direktor das Klassenzimmer betrat, und erst als die alte Dame neben ihm lächelnd und behutsam am Ärmel seiner Jacke zog, setzte er sich errötend und saß nun ohne Bewegung, die Hände gefaltet und nun ganz gewiß, daß ein Wunder sich vor ihm auftun würde. Der Knabe im Matrosenanzug hatte sich in der Tür verbeugt, den Griff noch in der Hand, als sei er unsicher, ob er es wagen solle, vor das Gesicht der wartenden Menge zu treten, war dann bis zum Stuhl vor den Flügel gegangen, hatte sich noch einmal verbeugt, artig, aber so, als seien seine Gedanken schon bei der drohenden Schwärze des ungeheuren Flügels, und saß nun vor dem schmalen Band der Tasten, die kalt und wie gemeißelt vor ihm lagen. – Jons atmete kaum. Er war schon vor dem ersten Ton verzaubert. Er hatte den Flügel und das Konzert vergessen, und seine Augen hingen gebannt an dem kindlichen Gesicht, aus dem das blonde lockige Haar zurückgestrichen war und das ihm wie das Gesicht eines Engels erschien, eines ernsten, schon von Gott geprüften Wesens, das er mit einem Auftrag zur Erde gesandt hatte, um den Menschen eine Botschaft zu bringen, aber niemand wußte noch, ob Freude oder Trauer in dieser Botschaft beschlossen lagen. (Ernst Wiechert, Die Jeromin-Kinder – 1945/47)

Jonathan Richardson d. Ä., Garton Orme am Spinett

Den Reiz der Wunderkinder macht nicht nur das künstlerische Können schon in jungen Jahren aus, sondern auch das oft noch kindliche Gebaren, das noch gar nicht zu der ernsthaften Situation etwa eines Konzertes zu passen scheint. In seiner Erzählung „Das Wunderkind“ beschreibt Thomas Mann den kleinen Bibi Saccellaphylaccas, einen Pianisten: „Er sieht aus, als sei er neun Jahre alt, zählt aber erst acht und wird für siebenjährig ausgegeben. Die Leute wissen selbst nicht, ob sie es eigentlich glauben. Vielleicht wissen sie es besser und glauben dennoch daran, wie sie es in so manchen Fällen zu tun gewohnt sind. Ein wenig Lüge, denken sie, gehört zur Schönheit.“  Dabei ist es gar nicht so schön, hat ein harmloses Kindergesicht, ein unfertiges Näschen und einen ahnungslosen Mund, wie Mann schreibt. Lediglich der weißseidene Anzug und die Haare stechen hervor: „Bibi hat glattes, schwarzes Haar, das ihm bis zu den Schultern hinabhängt und trotzdem seitwärts gescheitelt und mit einer kleinen seidenen Schleife aus der schmal gewölbten, bräunlichen Stirn zurückgebunden ist.“ (Thomas Mann, Das Wunderkind – 1903)  –

mendelssohn-13jaehri„Der Knabe Felix muss wunderschön gewesen sein. Auf einem zwar kleinen aber sehr ebenmässig gebauten Körper ruhte der schöne Kopf mit der hohen Stirn, den grossen schwarzen hell leuchtenden Augen, der fein gebogenen Nase, dem lieblichen Munde, umrahmt von dunkelbraunen lang auf den Rücken herabwallenden Locken; kein Wunder, dass Frauen und Mädchen, wie z. B. in Goethe’s Hause, wo er das erstemal als elfjähriger Knabe war, sich in ihn verliebten und ihn nach Kräften hätschelten. Aber nicht minder zeichnete den Knaben geistige Schönheit aus. Er war ein Wunderkind im besten Sinne des Worts.“ (Wilhelm Adolf Lampadius, Felix Mendelssohn-Bartholdy  – 1886)

Das mädchenhafte Aussehen, das Changieren zwischen den Geschlechtern kann ein Teil dieses Wunderkind-Habitus sein, wie es an anderer Stelle auch für das Aussehen des jungen Pianisten Hermann „Putzi“ Cohen beschrieben wird (Beitrag: „Unvollendet und vollendet“). Das lange Haar zeichnet ja oft den Musiker bis heute aus.

Rubinstein1842

Albert Decker, Lithographie von Anton Rubinstein (1842)

Neben Cohen, Carl Filtsch, Franz Liszt und anderen sorgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Anton Rubinstein (1829–1894) durch seine Konzerte für Furore. Er wird in seinem Aussehen ähnlich wie der junge Felix Mendelssohn-Bartholdy beschrieben:

„Wenige noch werden sich des am Arme eines robusten, polnisch aussehenden Herrn schlendernden, schlank aufgeschossenen Knaben mit mädchenschönem, von langen braunen Ringellocken umgebenen Gesicht erinnern, welchen vor nun 25 Jahren eines Sonntags ein langer Zug Studenten die Schmiedebrücke hinauf zur „Goldenen Gans“ begleitete zur großen Neugier der guten Breslauer, die über dieses für den Augenblick unerklärbare Ereigniß unbeschreiblich dumme Gesichter machten. Das war Anton Rubinstein auf seiner ersten Kunstreise, damals ein „Wunderkind“. Der nun Dreiunddreißigjährige hat Schlesien soeben wiederbesucht und auch in Breslau drei Concerte gegeben.“ (Schlesische Provinzialblätter – 1869)

Das Aussehen und, wie schon erwähnt, ein natürlich-anmutiges  Verhalten sorgen von vornherein für Sympathie beim Publikum („der herzige Junge“), auch wenn vielleicht die musikalische Leistung selbst noch nicht so hoch zu bewerten ist:

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Ivan Makarov, Violine spielender Knabe (1881)

Zwischen den Orchesternummern wurde uns ein sogenanntes Wunderkind vorgeführt: der kleine 6jährige Violinspieler Luigi Petschko aus Fiume. Er spielte Mozarts Allegro alla Turca und eine Phantasie ans Verdi’s „Maskenball“. Seine Leistung reicht, absolut als solche genommen, selbstverständlich noch nicht in die Höhe der eigentlichen Virtuosität hinauf, es ist aber wunderbar, dass ein 6jähriges Kind so spielt, wie der kleine Gigi … Der äußere Erfolg, den der Kleine, nebenbei gesagt, eine reizende Knabenerscheinung, mit seinem Spiele erzielte, war so rauschend als nur möglich. Als der herzige Junge auf dem Podium erschien, wurde er schon von einem wohlwollenden Lächeln von Seite des Publicums empfangen, das sich jedesmal zu frohem Lachen steigerte, so oft der kleine Künstler auf das Dirigentenpodium hinaufgehoben wurde und so oft er sich vor Beginn seines Spieles in die Pose des Virtuosen warf, das couragierte Auftreten des auffallend schönen Knaben, sein intelligentes und doch wieder kindliches Auge, sein treuherziger Blick, sein graziöses Wesen eroberte sich alle Herzen im Sturme schon bei seinem ersten Erscheinen und steigerte sich noch durch sein hübsches und correctes Spiel. Der kleine Künstler machte es den großen Virtuosen auch in der Liebenswürdigkeit von Zugaben nach, indem er infolge der oftmaligen stürmischen Hervorrufe einmal das Duett aus „Norma“, das anderemal den Jagdchor aus dem „Freischütz zugab, damit erneute Beifallsstürme hervorrufend. (Laibacher Zeitung – 1887)

Wegmann

Bertha Wegmann, Ivar Rosenberg (um 1900)

Aber es muss eben nicht die Bühne sein. Monika Mann erinnerte sich eines Schulkameraden, der seinem Aussehen nach etwas „von einem anmutigen Bettelknaben“ hatte und seine Mitschüler und Lehrer schon als Elfjähriger durch sein pianistisches Können und seine künstlerischen Darbietungen begeisterte: „Er improvisierte Opernpotpourris – dynamisch und harmonisch einwandfrei –, ergänzte seine pianistische Darbietung durch stimmliche Imitation von Blasinstrumenten, Baß- und Koloraturgesang, galoppierte wie ein tolles Pferd über die Klaviatur hin, erging sich zurückgeneigten, verträumten Hauptes mit langen Armen und Fingern in lyrischen Partien. Ein Tausendsasa, dieser Knabe! Und er war nicht das im Samtanzug auftretende Wunderkind, dem man hysterische Handküsse und Blumen auf das Podium warf, sondern unser Kamerad, mit dem man befreundet sein konnte.“ (Monika Mann, Vergangenes und Gegenwärtiges – 1956)

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