Das Wunderkind

„Es ist nun lange, wohl fast vierzig Jahre her, daß sie in unsere kleine Stadt einzogen. Wir standen am Bahnhof, tuschelten und reckten die Hälse. Eine unmäßig dicke, weißgekleidete Dame mit wippendem Federhut, augenscheinlich die Mutter der Wunderkinder, rauschte über den Bahnsteig, zur Linken ein zierliches, kokettes Mädchen, das durch seine leuchtendroten Haare auffiel, und zur Rechten einen grazilen, scheuen Knaben mit überaus großen, dunklen Augen. „

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Alexei A. Harlamoff, Die Kinder des Paul Pawlowitsch (1883 – Ausschnitt)

Mit diesen Worten beginnt eine Erzählung von Werner Schumann, in der es auch um eine Freundschaft zu einem musikalischen Wunderkind geht, das den Ich-Erzähler vom ersten Wahrnehmen an in Bann schlägt: „Während meine Kameraden die zierlich dahintrippelnde kleine Tänzerin anstarrten, fesselte mich vom ersten Augenblick an der pagenhafte, ängstliche Knabe. Nicht weil er ein gefeierter Violinvirtuose war, sondern um seiner glühenden Augen willen, in deren dunklem Feuer für mich ein seltsamer Zauber lag. Als sie mich, wie er so abwesend an der Seite seiner respektablen Mama über die Stufen des Stationsgebäudes in die Stadt schritt, im Vorübergehen streiften, fühlte ich es bis ins Herz.“ Am nächsten Morgen gibt es ein für ihn beglückendes Wiedersehen, denn in der Schule wurden die beiden Banknachbarn für die Dauer des  Gastspiel der Wunderkinder von acht Tagen. (Werner Schumann, Die Wunderkinder – 1958)

Den Reiz der Wunderkinder macht nicht nur das künstlerische Können schon in jungen Jahren aus, sondern auch das oft noch kindliche Gebaren, das noch gar nicht zu der ernsthaften Situation etwa eines Konzertes zu passen scheint. In seiner Erzählung „Das Wunderkind“ beschreibt Thomas Mann den kleinen Bibi Saccellaphylaccas, einen Pianisten: „Er sieht aus, als sei er neun Jahre alt, zählt aber erst acht und wird für siebenjährig ausgegeben. Die Leute wissen selbst nicht, ob sie es eigentlich glauben. Vielleicht wissen sie es besser und glauben dennoch daran, wie sie es in so manchen Fällen zu tun gewohnt sind. Ein wenig Lüge, denken sie, gehört zur Schönheit.“  Dabei ist es gar nicht so schön, hat ein harmloses Kindergesicht, ein unfertiges Näschen und einen ahnungslosen Mund, wie Mann schreibt. Lediglich der weißseidene Anzug und die Haare stechen hervor: „Bibi hat glattes, schwarzes Haar, das ihm bis zu den Schultern hinabhängt und trotzdem seitwärts gescheitelt und mit einer kleinen seidenen Schleife aus der schmal gewölbten, bräunlichen Stirn zurückgebunden ist.“ (Thomas Mann, Das Wunderkind – 1903)  –

mendelssohn-13jaehri„Der Knabe Felix muss wunderschön gewesen sein. Auf einem zwar kleinen aber sehr ebenmässig gebauten Körper ruhte der schöne Kopf mit der hohen Stirn, den grossen schwarzen hell leuchtenden Augen, der fein gebogenen Nase, dem lieblichen Munde, umrahmt von dunkelbraunen lang auf den Rücken herabwallenden Locken; kein Wunder, dass Frauen und Mädchen, wie z. B. in Goethe’s Hause, wo er das erstemal als elfjähriger Knabe war, sich in ihn verliebten und ihn nach Kräften hätschelten. Aber nicht minder zeichnete den Knaben geistige Schönheit aus. Er war ein Wunderkind im besten Sinne des Worts.“ (Wilhelm Adolf Lampadius, Felix Mendelssohn-Bartholdy  – 1886)

Das mädchenhafte Aussehen, das Changieren zwischen den Geschlechtern kann ein Teil dieses Wunderkind-Habitus sein, wie es an anderer Stelle auch für das Aussehen des jungen Pianisten Hermann „Putzi“ Cohen beschrieben wird (Beitrag: „Unvollendet und vollendet“). Das lange Haar zeichnet ja oft den Musiker bis heute aus.

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Albert Decker, Lithographie von Anton Rubinstein (1842)

Neben Cohen, Carl Filtsch, Franz Liszt und anderen sorgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Anton Rubinstein (1829–1894) durch seine Konzerte für Furore. Er wird in seinem Aussehen ähnlich wie der junge Felix Mendelssohn-Bartholdy beschrieben:

„Wenige noch werden sich des am Arme eines robusten, polnisch aussehenden Herrn schlendernden, schlank aufgeschossenen Knaben mit mädchenschönem, von langen braunen Ringellocken umgebenen Gesicht erinnern, welchen vor nun 25 Jahren eines Sonntags ein langer Zug Studenten die Schmiedebrücke hinauf zur „Goldenen Gans“ begleitete zur großen Neugier der guten Breslauer, die über dieses für den Augenblick unerklärbare Ereigniß unbeschreiblich dumme Gesichter machten. Das war Anton Rubinstein auf seiner ersten Kunstreise, damals ein „Wunderkind“. Der nun Dreiunddreißigjährige hat Schlesien soeben wiederbesucht und auch in Breslau drei Concerte gegeben.“ (Schlesische Provinzialblätter – 1869)

Das Aussehen und, wie schon erwähnt, ein natürlich-anmutiges  Verhalten sorgen von vornherein für Sympathie beim Publikum („der herzige Junge“), auch wenn vielleicht die musikalische Leistung selbst noch nicht so hoch zu bewerten ist:

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Ivan Makarov, Violine spielender Knabe (1881)

Zwischen den Orchesternummern wurde uns ein sogenanntes Wunderkind vorgeführt: der kleine 6jährige Violinspieler Luigi Petschko aus Fiume. Er spielte Mozarts Allegro alla Turca und eine Phantasie ans Verdi’s „Maskenball“. Seine Leistung reicht, absolut als solche genommen, selbstverständlich noch nicht in die Höhe der eigentlichen Virtuosität hinauf, es ist aber wunderbar, dass ein 6jähriges Kind so spielt, wie der kleine Gigi … Der äußere Erfolg, den der Kleine, nebenbei gesagt, eine reizende Knabenerscheinung, mit seinem Spiele erzielte, war so rauschend als nur möglich. Als der herzige Junge auf dem Podium erschien, wurde er schon von einem wohlwollenden Lächeln von Seite des Publicums empfangen, das sich jedesmal zu frohem Lachen steigerte, so oft der kleine Künstler auf das Dirigentenpodium hinaufgehoben wurde und so oft er sich vor Beginn seines Spieles in die Pose des Virtuosen warf, das couragierte Auftreten des auffallend schönen Knaben, sein intelligentes und doch wieder kindliches Auge, sein treuherziger Blick, sein graziöses Wesen eroberte sich alle Herzen im Sturme schon bei seinem ersten Erscheinen und steigerte sich noch durch sein hübsches und correctes Spiel. Der kleine Künstler machte es den großen Virtuosen auch in der Liebenswürdigkeit von Zugaben nach, indem er infolge der oftmaligen stürmischen Hervorrufe einmal das Duett aus „Norma“, das anderemal den Jagdchor aus dem „Freischütz zugab, damit erneute Beifallsstürme hervorrufend. (Laibacher Zeitung – 1887)

Wegmann

Bertha Wegmann, Ivar Rosenberg (um 1900)

Aber es muss eben nicht die Bühne sein. Monika Mann erinnerte sich eines Schulkameraden, der seinem Aussehen nach etwas „von einem anmutigen Bettelknaben“ hatte und seine Mitschüler und Lehrer schon als Elfjähriger durch sein pianistisches Können und seine künstlerischen Darbietungen begeisterte: „Er improvisierte Opernpotpourris – dynamisch und harmonisch einwandfrei –, ergänzte seine pianistische Darbietung durch stimmliche Imitation von Blasinstrumenten, Baß- und Koloraturgesang, galoppierte wie ein tolles Pferd über die Klaviatur hin, erging sich zurückgeneigten, verträumten Hauptes mit langen Armen und Fingern in lyrischen Partien. Ein Tausendsasa, dieser Knabe! Und er war nicht das im Samtanzug auftretende Wunderkind, dem man hysterische Handküsse und Blumen auf das Podium warf, sondern unser Kamerad, mit dem man befreundet sein konnte.“ (Monika Mann, Vergangenes und Gegenwärtiges – 1956)

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