Der erotische Blick

William-Adolphe Bouguereau-Admiration (1897)

William Adolphe Bouguereau, Admiration (1897)

Der besondere Blick von Frauen auf den schönen Knaben, wie ihn die Literatur widerspiegelt, wurde an anderer Stelle bereits dargestellt (vgl. Beitrag: Mit fraulichem Blick). Noch einmal anders  wird dieser Blick, wenn er nicht von Frauen selbst, sondern von Männern beschrieben wird:

Sant-InthePark

James Sant (1820–1916), In the park

Paul war acht Jahre alt; er hatte große stahlblaue Augen, lichtbraune, lange und dichte Locken, und ein volles, glühendes Gesicht, das so schön war, wie man nur je eines an einem Kinde gesehen. Wenn er auf dem Hofe spielte und alle Lebhaftigkeit seines Temperamentes aussprudeln ließ, war es nichts Seltenes, an die Stangen des Gitters, welches den Hof von der Straße trennte, die Gesichter von neugierigen jungen Frauen sich drücken zu sehen, die nach dem wunderhübschen Knaben schauten und gefesselt die halbe Stunde lang stehen blieben. (Levin Schücking, Paul – 1842)

Gern wird von Frauen der wohlwollende Blick auf einen schönen Jungen gerichtet. Stolz sind Mütter immer auf ihre Kinder; den schönen Sohn vorzuzeigen, sich später auch mit ihm zu zeigen, reizt besonders. „Wir saßen nach der Mahlzeit noch eine Zeit schweigend im Garten, lauschten dem Plätschern des Springbrunnens, rochen den Rosengeruch und spürten die Wärme der Luft, bis Narziss auf die Terrasse trat. Die Augen aller Damen richteten sich auf den schlanken Jungen, in weißer Jeans und blauem Hemd. Liriope sprang auf, lief zu ihrem Sohn und umarmte ihn. Er lies dies unbeteiligt über sich ergehen. Ihre Hände fuhren durch seine dunklen Locken. ‚Dies ist mein schöner Sohn‘“ (Jörg Neunhäuserer, Narziss, 2005).

Doch nicht nur Mütter strecken gern die Hand aus, um einem hübschen Jungen über den Kopf zu streichen, auch andere Frauen – heute ist das fast unmöglich geworden: „Frau Hadwig hörte ihm halb erstaunt zu. Ein braunlockiger Knabe, der einen Hexameter sprach, war in alemannischen Landen etwas Ungewohntes. Und er hatte ihr zu Ehren die Daktylen und Spondäen aus dem Stegreif ersonnen. Darum ergötzte sie sich an dem jungen Verseschmied. „Laß dich einmal näher beschauen“, sprach sie und zog ihn zu sich. Er gefiel ihr; es war ein lieblich Knabenantlitz, durchsichtig Rot auf den Wangen, so fein und zart, daß das blaue Geäder in leichtem Umriß drunter zu erschauen war, üppig wallten die Locken um die Stirn, eine kecke Adlernase ragte über den gelehrten jungen Lippen wie ein Hohn auf das, was unter ihr gesprochen werde, in die Luft. Da schlang Frau Hadwig ihren Arm um den Knaben, hob ihn empor und küßte ihn auf Lippe und Wange und tat schier kindisch mit ihm …“ (Joseph Viktor von Scheffel, Ekkehard – 1855)

Venus-consoling

Benjamin West, Venus consoling Cupid stung by a bee (ca. 1787 – Ausschnitt)

Das „Ergötzen“ am Aussehen und der Art des Knaben kann tiefer gehen. Auch das erotische Moment in diesen Beziehungen ist immer wieder spürbar; in dem noch hübschen Knaben wird auch bereits der schöne Mann erahnt.

„Phrixos war noch ein Kind und keine vierzehn Jahre alt, doch alle, die ihn sahen, glaubten einen menschgewordenen Gott zu sehen, so vollkommen erschien er einem jeden. […] Der Knabe bezauberte einen jeden. Die Männer, die Phrixos sahen, hielten unwillkürlich inne, schauten ihm hinterher und lächelten. Und auch die Frauen blickten ihm lange nach, aber in ihrem Lächeln glitzerte der Schimmer von einem verzehrenden Fieber, und die Brüste und die Scham schmerzten sie, als habe ein heißer Hauch des erosgebärenden Westwindes diese berührt oder als seien sie von der zweiflügligen Plage der Hera gestochen worden. (Christoph Hein, Das goldene Vlies – 2005).

In unsere Zeit übertragen liest sich das vielleicht so:

Eugene von Blaas 1884

Eugene von Blaas, Portrait of a boy (1884)

„Jusef war ein bildhübscher Junge, der schönste von uns allen. Wir neckten ihn immer, daß er nur deshalb manchmal zwei Hühner verkaufen würde, weil die reichen Tanten ihn befummeln durften … Einmal wurde er von einer reichen Frau gerufen, die ihn an der Tür mit einem dünnen Kleid erwartete. „Wieviel willst du für das Huhn, schöner Junge?“ flüsterte die Frau schmeichelnd. „Zehn Lira“, sagte Jusef, als die Frau die Tür hinter ihm schloß. „Und wie wäre es mit fünf?“ flüsterte sie und kniff ihm zärtlich in die Wange. (Rafik Schami, Der Fliegenmelker – 1985)

In seinem Roman „René“ (1961) lässt Walter Barbier Maria, die italienische Hauswirtschafterin des verwitweten Bankiers Viktor Bargon, sich in dessen „auffallend hübschen“ Sohn René verlieben, in den „kleinen Prinzen“, wie er von den Bankangestellten genannt wird. Der Junge seinerseits mag die schöne und rassige junge Frau, die er als Kind „Tante Maria“ nannte. Kurz vor seinem 15. Geburtstag kann sie die Gefühle, die sie für den Knaben hegt, nicht länger zurückhalten; als René in der Badewanne sitzt und Maria, wie es seit jeher ihre Gewohnheit war, zu ihm kommt, um mit ihm zu plaudern. Als sie ihn nach dem Baden abzutrocknen beginnt, kommt es zu einer erotisch aufgeladenen Szene:

Der Junge … setzte sich im Bad auf, so daß sein Hals und seine Brust, auf der Seifenschaum und Wasserperlen schimmerten, sichtbar wurden. Sie freute sich über den warmen Goldton seiner Haut. Auch sein sonst etwas blasses Gesicht war leicht gebräunt. Er sah prächtig aus. Sie empfand plötzlich ein unbezähmbares Verlangen, den schlanken Knabenkörper zu berühren, über seine frische, glänzende Haut zu fahren, irgend einen Kontakt mit ihm herzustellen.

Sie fordert ihn auf, endlich aus der Wanne herauszukommen. Dann nimmt sie in großes Handtuch und beginnt ihn abzutrocknen und zu frottieren, wie sie es früher gemacht hatte, als er noch der zwölfjährige Junge war. René scheint das zu gefallen, er streckt und reckt sich vor Behagen.

Endlich war sie fertig. Der Badedunst hatte sich fast ganz verzogen, lag nur noch als dichte milchig-weiße Haut auf Spiegel und Fenster. Der Raum war erfüllt vom Fichtennadelduft, der aus dem Badewasser aufstieg. Maria verspürte plötzlich ein heftiges Verlangen, den Jungen an sich zu ziehen und ihn zu küssen. Sie umschlang ihn gierig von hinten, drückte ihn so fest an sich, daß er leise stöhnte, und küßte ihn drei-, viermal auf Nacken und Schulter.

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Edward James Draper, Naiad’s Pool

Es wird später die erste sexuelle Beziehung, die René mit einer Frau hat, der schon bald andere folgen werden, weil er ein Frauenliebling ist. – Solch eine über das Erotische hinausgehende  Beziehung von Frauen zum schönen Knaben findet sich – freilich meist mehr angedeutet als beschrieben –  in verschiedenen literarischen Werken (z. B.  Émile Zola, Die Beute oder Mario Vargas Llosa, Lob der Stiefmutter oder Heinrich Mann, Die Göttinen) – ist es Zufall, dass es männliche Autoren sind, die davon erzählen?

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