Der schöne Jesus

TheyoungMessiah

Film „Der junge Messias“ (2016)

Wird schon (wie an anderer Stelle zu lesen) der „Vorläufer“ Jesu, der Täufer Johannes, immer wieder als jugendlich schön dargestellt und beschrieben (obwohl die Bibel nur über den erwachsenen Johannes Angaben zur – eher herben – Gestalt macht), umso mehr dann das Kind Jesus. Dabei gibt es in den Evangelien überhaupt keine Aussagen zu seinem Aussehen. Immerhin wird seine Wallfahrt, die er als Zwölfjähriger mit den Eltern nach Jerusalem unternahm, bei Lukas beschrieben; am Ende heißt es: Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er er fand Gefallen bei Gott und den Menschen (Lk 2,52).

CarlBloch-Jesusfoundintemple

Carl Bloch (1835-1890), Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Ausschnitt)

Dieses Ereignis aus dem Leben des jungen Jesus wird nicht nur von Malern, sondern auch von Schriftstellern und Schriftstellerinnen immer wieder aufgegriffen und ausgemalt:

Es waren einmal ein paar arme Leute, ein Mann, eine Frau und ihr kleines Söhnlein, die gingen in dem großen Tempel in Jerusalem umher. Der Sohn war ein bildschönes Kind. Er hatte Haare, die in weichen Locken lagen, und Augen, die ganz wie Sterne leuchteten … (Selma Lagerlöf, Im Tempel [Christuslegenden] – 1904)

Liebermann

Max Liebermann, Der zwölfjährige Jesus im Tempel, überarbeitet (1883)

So wurde und wird er auch zumeist auf Bildern dargestellt – fast mädchenhaft zart. Von daher sorgte Max Liebermanns Bild, auf dem der Junge eher realistisch erschien, 1879 auch für einen Skandal; ein Kunstkritiker der „Augsburger Allgemeine Zeitung“ bezeichnete die Figur des Kindes als „den häßlichsten, naseweisesten Judenjungen, den man sich denken kann“. Liebermann hat daraufhin das Bild überarbeitet, um keine religiösen Gefühle zu verletzen: Den ursprünglich dunkelhaarigen, barfüßigen Jesusknaben mit Ansätzen zu Schläfenlocken und Hakennase verwandelte er in ein Kind mit goldenem Haar, zog den nackten Füßen Sandalen an und machte den kurzen Kittel in ein etwas längeres Gewand. So wurde es dann doch wohlwollender betrachtet.

Zurück zur Literatur. Auch das jüngere Kind wird in den Blick genommen und in seiner göttlichen Schönheit beschrieben. Die Zeit des Exils in Ägypten, von der der Evangelist Matthäus spricht (Mt 2,13–15), nahm Peter Rosegger in den Blick (den Roman I.N.R.I.: Frohe Botschaft eines armen Sünders [1905] lässt er einen zum Tode Verurteilten in der Zelle schreiben):

So waren die Jahre der ersten Kindheit vergangen und der kleine Jesus wuchs heran, wie ein zartes, schlankes Reis. Er lernte die fremde Sprache, beachtete die Sitten und that (wohlgemut!) auch selbst mit in dem, was ihm gefiel. Da geschah es eines Tages, als Josef mit dem Knaben auf dem Platze war, wo die Schiffe landeten, um Körbe feilzubieten, dass unter dem Volk eine große Bewegung entstand. … Der Pharao!

Das Jubelgeschrei der Menge war groß, er aber beachtete nichts, als einzig den Knaben des Korbverkäufers, auf den sein Auge gefallen war. Die Schönheit dieses Knaben hatte ihn derart berückt, dass er anhalten ließ und befahl, das Kind möge zu seinem Wagen geführt werden. Josef kam mit dem Knaben ehrerbietig herbei, legte seine Hände kreuzweise über die Brust und verneigte sich tief. „Du bist ein Jude!“ sprach zu ihm in seiner Sprache der König. „So wirst Du mir diesen Knaben verkaufen.“

JohneRogersHerbert

John Rogers Herbert, Unser Erlöser hilft seinen Eltern in Nazareth, 1846

Jesu Kinderjahren, die er auch in der Werkstatt des Vaters verbrachte, wandte sich Gérald Messadié zu (Ein Mensch namens Jesus – 1991): Dem Fünfjährigen brachte Josef allmählich das Handwerk eines Zimmermanns bei, indem er ihn in seiner Werkstatt auf einen Schemel setzte, um den Gesellen zusehen zu können. Gelegentlich durfte er mit Hand anlegen und beispielsweise die Werkstatt ausfegen, ein Werkzeug suchen oder kleinere Besorgungen machen. Mit acht Jahren konnte er bereits selbst Tische oder Stühle machen – sogar einen Holzzuber, nicht unheikel in der Herstellung. Bei den Lehrlingen war der junge Jesus beliebt, weil er höflich, ausdauernd und geduldig war. Und weil er ein schönes Kind war, „nicht nur was sein braunes Haar, die braunen Augen, den goldenen Schimmer seiner Haut oder auch seinen schlanken und bereits muskulösen Körper betraf, nein, auch in dem Schweigen, das ihn umgab, lag Schönheit. Diese Schönheit wurde aus Quellen genährt, die man kaum zu bestimmen vermochte.“

In seinem Roman „Jeschuah ben Mirjam“ lässt Edmund Schopen den Dreizehnjährigen ein Jahr nach den Ereignissen im Jerusalemer Tempel den beiden Fischerjungen Simon und Andreas erstmals begegnen (und damit Jahre vor ihrer späteren Begegnung, die der Evangelist Johannes beschreibt – Joh 1,40–42):

Die beiden Jünglinge wandten sich dem Walde zu und jetzt erst sahen sie den Knaben, der ruhig an einem Stamm lehnte und ihnen unverwandt entgegen sah. Simon faßte ihn zuerst ins Auge und blieb unwillkürlich stehen. Sekundenlang tauchten die Blicke beider ineinander, dann wurden die Fischersöhne etwas verlegen. Die vornehm schöne Erscheinung des Knaben machte sie trotz seines ärmlichen Gewandes unbeholfen, und die Furcht, vielleicht in ihren heiligsten Gefühlen belauscht zu sein, regte sie auf. Andreas wollte stumm vorüber, Simon aber blieb stehen und hielt auch den Bruder fest. „Wer bist Du – Herr!“ fragte er rauh und mißtönend. „Wer bist Du?“ kam es freundlich, aber bestimmt zurück. (Edmund Schopen, Jeschuah ben Mirjam – 1920)

All diese Beschreibungen und Zuschreibungen sind Spekulation, bisweilen auch ans Kitschige reichend, was sie von entsprechenden bildlichen Darstellungen nicht unterscheidet … Aber sie haben natürlich das Ziel, die Besonderheit und göttliche Herkunft Jesu zu unterstreichen: „Diese Schönheit wurde aus Quellen genährt, die man kaum zu bestimmen mochte“ (Gérald Messadié).

Die Vorstellung, dass äußere Schönheit aus inneren Quellen gespeist wird, wurde vor allem durch die „Physiognomischen Fragmente“ Johann Caspar Lavaters ab den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts populär: Ein engelhaftes Gesicht deute auf Eigenschaften wie lieb, tugendhaft und menschlich; hässliche Menschen seien auch charakterlich schlecht. Nach Lavater musste sich die Göttlichkeit Jesu daher auch in einer überirdischen Schönheit ausgedrückt haben; in seiner Evangeliendichtung „Jesus Messias“ (1780) beschrieb er den Zwölfjährigen im Tempel:

pinturicchio

Pinturicchio, Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1500/01 – Ausschnitt)

Also war’s in den Hallen des Völkersammelnden Tempels, / Da der Knabe Jesus, geführt von Maria und Joseph, / Herkam. Still stand Alles dem Ueberschönen. Die Augen / Konnten satt sich nicht seh’n am Bilde der göttlichen Schönheit, / An der Unschuld in Menschengestalt, an der himmlischen Weisheit, / Die wie ein Knabe gebildet, doch übermenschlich daherging. / Den goldlockigen Knaben umstanden Israels Lehrer. / Wenn der Priester das Beil zum Opferschlachten emporhub, / Hielt er mitten im Schwunge, gehalten vom Anblick der schönen / Himmelherrlichen Unschuld …

Die Schönheit Jesu ist auch ein Ausdruck der Mystik – weshalb den Mystikern und Mystikerinnen immer wieder auch entsprechend gestalteter Jesusknabe erscheint. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das könnte auch interessant sein...