Der schöne Jesus

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Film „Der junge Messias“ (2016)

Wird schon (wie an anderer Stelle zu lesen) der „Vorläufer“ Jesu, der Täufer Johannes, immer wieder als jugendlich schön dargestellt und beschrieben (obwohl die Bibel nur über den erwachsenen Johannes Angaben zur – eher herben – Gestalt macht), umso mehr dann das Kind Jesus. Dabei gibt es in den Evangelien überhaupt keine Aussagen zu seinem Aussehen. Immerhin wird seine Wallfahrt, die er als Zwölfjähriger mit den Eltern nach Jerusalem unternahm, bei Lukas beschrieben; am Ende heißt es: Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er er fand Gefallen bei Gott und den Menschen (Lk 2,52).

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Carl Bloch (1835-1890), Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Ausschnitt)

Dieses Ereignis aus dem Leben des jungen Jesus wird nicht nur von Malern, sondern auch von Schriftstellern und Schriftstellerinnen immer wieder aufgegriffen und ausgemalt:

Es waren einmal ein paar arme Leute, ein Mann, eine Frau und ihr kleines Söhnlein, die gingen in dem großen Tempel in Jerusalem umher. Der Sohn war ein bildschönes Kind. Er hatte Haare, die in weichen Locken lagen, und Augen, die ganz wie Sterne leuchteten … (Selma Lagerlöf, Im Tempel [Christuslegenden] – 1904)

Eben diese Augen, Ausdruck seiner besonderen Kraft, wurden auch im Film „Jesus von Nazareth“ von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1977 betont. Der Film zeigt natürlich auch diese Episode im Tempel von Jerusalem.

Auch das jüngere Jesus-Kind wird literarisch in den Blick genommen und in seiner göttlichen Schönheit beschrieben. Die Zeit des Exils seiner Familie in Ägypten, von der der Evangelist Matthäus spricht (Mt 2,13–15), nahm Peter Rosegger in den Blick (den Roman I.N.R.I.: Frohe Botschaft eines armen Sünders [1905] lässt er einen zum Tode Verurteilten in der Zelle schreiben):

So waren die Jahre der ersten Kindheit vergangen und der kleine Jesus wuchs heran, wie ein zartes, schlankes Reis. Er lernte die fremde Sprache, beachtete die Sitten und that (wohlgemut!) auch selbst mit in dem, was ihm gefiel. Da geschah es eines Tages, als Josef mit dem Knaben auf dem Platze war, wo die Schiffe landeten, um Körbe feilzubieten, dass unter dem Volk eine große Bewegung entstand. … Der Pharao! Das Jubelgeschrei der Menge war groß, er aber beachtete nichts, als einzig den Knaben des Korbverkäufers, auf den sein Auge gefallen war. Die Schönheit dieses Knaben hatte ihn derart berückt, dass er anhalten ließ und befahl, das Kind möge zu seinem Wagen geführt werden. Josef kam mit dem Knaben ehrerbietig herbei, legte seine Hände kreuzweise über die Brust und verneigte sich tief. „Du bist ein Jude!“ sprach zu ihm in seiner Sprache der König. „So wirst Du mir diesen Knaben verkaufen.“

Der Film „Der junge Messias“ von 2016 setzt in der Situation ein, wie die Familie aus Ägypten nach Nazaret zieht. Der junge Jesus wird darin als zunächst Siebenjähriger dargestellt.

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John Rogers Herbert, Unser Erlöser hilft seinen Eltern in Nazareth, 1846

Jesu Kinderjahren, die er auch in der Werkstatt des Vaters verbrachte, wandte sich Gérald Messadié zu (Ein Mensch namens Jesus – 1991): Dem Fünfjährigen brachte Josef allmählich das Handwerk eines Zimmermanns bei, indem er ihn in seiner Werkstatt auf einen Schemel setzte, um den Gesellen zusehen zu können. Gelegentlich durfte er mit Hand anlegen und beispielsweise die Werkstatt ausfegen, ein Werkzeug suchen oder kleinere Besorgungen machen. Mit acht Jahren konnte er bereits selbst Tische oder Stühle machen – sogar einen Holzzuber, nicht unheikel in der Herstellung. Bei den Lehrlingen war der junge Jesus beliebt, weil er höflich, ausdauernd und geduldig war. Und weil er ein schönes Kind war, „nicht nur was sein braunes Haar, die braunen Augen, den goldenen Schimmer seiner Haut oder auch seinen schlanken und bereits muskulösen Körper betraf, nein, auch in dem Schweigen, das ihn umgab, lag Schönheit. Diese Schönheit wurde aus Quellen genährt, die man kaum zu bestimmen vermochte.“

In seinem Roman „Jeschuah ben Mirjam“ lässt Edmund Schopen den Dreizehnjährigen ein Jahr nach den Ereignissen im Jerusalemer Tempel den beiden Fischerjungen Simon und Andreas erstmals begegnen (und damit Jahre vor ihrer späteren Begegnung, die der Evangelist Johannes beschreibt – Joh 1,40–42):

Die beiden Jünglinge wandten sich dem Walde zu und jetzt erst sahen sie den Knaben, der ruhig an einem Stamm lehnte und ihnen unverwandt entgegen sah. Simon faßte ihn zuerst ins Auge und blieb unwillkürlich stehen. Sekundenlang tauchten die Blicke beider ineinander, dann wurden die Fischersöhne etwas verlegen. Die vornehm schöne Erscheinung des Knaben machte sie trotz seines ärmlichen Gewandes unbeholfen, und die Furcht, vielleicht in ihren heiligsten Gefühlen belauscht zu sein, regte sie auf. Andreas wollte stumm vorüber, Simon aber blieb stehen und hielt auch den Bruder fest. „Wer bist Du – Herr!“ fragte er rauh und mißtönend. „Wer bist Du?“ kam es freundlich, aber bestimmt zurück. (Edmund Schopen, Jeschuah ben Mirjam – 1920)

Raoul François Larche, Jésus enfant

Auch Luise Rinder schildert eine frühe Begegnung: zwischen Jesus und Maria Magdalena. „Auf der andern Straßenseite ging ein Knabe. Er trug den Kopf sehr hoch, und seine bloßen Füße berührten den Boden so leicht, daß kaum Staub aufstieg. Wer war dieser Knabe? Ein Fremder. Ich starrte ihn an. Er fühlte den Blick und schaute um sich, als habe ihn jemand gerufen. Da sah er mich. Wir schauten uns an, neugierig, nach Kinderart. Doch waren wir keine Kinder mehr. Er lächelte und tat etwas Ungehöriges: er bog seinen Zeigefinger. Komm! hieß das. Was für ein Ansinnen! Viel später begriff ich: der gebogene Finger war der Angelhaken, den er nach mir auswarf. Der Fisch nahm den Köder an. Nie mehr kam er davon los.“ (Mirjam – 1983)

Porzellanmalerei nach einem Bild von Heinrich Hofmann

All diese Beschreibungen und Zuschreibungen sind Spekulation, bisweilen auch ans Kitschige reichend, was sie von entsprechenden bildlichen Darstellungen eines geradezu mädchenhaften Jesus nicht unterscheidet … Aber sie haben natürlich das Ziel, die Besonderheit und göttliche Herkunft Jesu zu unterstreichen: „Diese Schönheit wurde aus Quellen genährt, die man kaum zu bestimmen mochte“ (Gérald Messadié).

Die Vorstellung, dass äußere Schönheit aus inneren Quellen gespeist wird, wurde vor allem durch die „Physiognomischen Fragmente“ Johann Caspar Lavaters ab den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts populär: Ein engelhaftes Gesicht deute auf Eigenschaften wie lieb, tugendhaft und menschlich; hässliche Menschen seien auch charakterlich schlecht. Nach Lavater musste sich die Göttlichkeit Jesu daher auch in einer überirdischen Schönheit ausgedrückt haben; in seiner Evangeliendichtung „Jesus Messias“ (1780) beschrieb er den Zwölfjährigen im Tempel:

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Pinturicchio, Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1500/01 – Ausschnitt)

Also war’s in den Hallen des Völkersammelnden Tempels, / Da der Knabe Jesus, geführt von Maria und Joseph, / Herkam. Still stand Alles dem Ueberschönen. Die Augen / Konnten satt sich nicht seh’n am Bilde der göttlichen Schönheit, / An der Unschuld in Menschengestalt, an der himmlischen Weisheit, / Die wie ein Knabe gebildet, doch übermenschlich daherging. / Den goldlockigen Knaben umstanden Israels Lehrer. …

Die Schönheit Jesu ist auch ein Ausdruck der Mystik – weshalb den Mystikern und Mystikerinnen immer wieder auch ein entsprechend gestalteter junger Jesusknabe erscheint: „… von Angesicht und Gestalt sehr schön und liebenswert“.

Schönheit als Ausdruck der Beziehung – aber auch des göttlichen Wesens. Das findet man auch bei Eduard Mörike in dessen Gedicht „Göttliche Reminiszenz“. Hier zeichnet er einen fünfjährigen Jesusknaben – aber nicht als Idylle eines kleinen Kindes inmitten einer wilden Felsenlandschaft, wie es vorgeblich das von ihm beschriebene Bildnis in einem Kartäuserkloster widerspiegelt (das Bild hat es wohl nicht gegeben). Von einem alten Hirten (!) hat das Kind ein „versteinert Meergewächs“ erhalten – ein „Petrefact“, wie Mörike das an anderer Stelle bezeichnet, eine Versteinerung also. Und diese Erinnerung an die Urzeit der Schöpfung lässt das göttliche Kind – den „Logos“, durch den alles geschaffen ist, wie es das Neue Testament sagt, blitzartig erahnen, wer es sei … Eine tief-theologische Frage: Was wusste das Kind Jesus über sich und seine Berufung?

Franz Stassen, Göttliche Reminiszenz

Vorlängst sah ich ein wundersames Bild gemalt, / Im Kloster der Kartäuser, das ich oft besucht. / Heut, da ich im Gebirge droben einsam ging, / Umstarrt von wild zerstreuter Felsentrümmersaat, / Trat es mit frischen Farben vor die Seele mir. / An jäher Steinkluft, deren dünn begraster Saum, / Von zweien Palmen überschattet, magre Kost / Den Ziegen beut, den steilauf weidenden am Hang, / Sieht man den Knaben Jesus sitzend auf Gestein; / Ein weißes Vlies als Polster ist ihm unterlegt. / Nicht allzu kindlich deuchte mir das schöne Kind; / Der heiße Sommer, sicherlich sein fünfter schon, / Hat seine Glieder, welche bis zum Knie herab / Das gelbe Röckchen decket mit dem Purpursaum, / Hat die gesunden, zarten Wangen sanft gebräunt, / Aus schwarzen Augen leuchtet stille Feuerkraft, / Den Mund jedoch umfremdet unnennbarer Reiz. / Ein alter Hirte, freundlich zu dem Kind gebeugt, / Gab ihm soeben ein versteinert Meergewächs, / Seltsam gestaltet, in die Hand zum Zeitvertreib. / Der Knabe hat das Wunderding beschaut, und jetzt, / Gleichsam betroffen, spannet sich der weite Blick / Entgegen dir, doch wirklich ohne Gegenstand, / Durchdringend ewge Zeitenfernen, grenzenlos: / Als wittre durch die überwölkte Stirn ein Blitz / Der Gottheit, ein Erinnern, das im gleichen Nu / Erloschen sein wird; und das welterschaffende, / Das Wort von Anfang an, als ein spielend Erdenkind, / Mit Lächeln zeigt’s unwissend dir sein eigen Werk.“

Im Film „Der junge Messias“, der auf dem Roman „Christ the Lord“ von Anne Rice basiert, ist es die Mutter Maria, die ihn behutsam über seine göttliche Herkunft aufklärt, nachdem er die Kraft, die ihm daraus erwächst, schon selbst gespürt hat.

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