Faschingsprinzen und Verkleidungskünstler

Friedrich August von Kaulbach: Kinderkarneval (1888)

Friedrich August von Kaulbachs Bild „Kinderkarneval“, das fünf schwarzlockige Kinder mit Elfenbeinteint in Pierrot-Kostümen zeigt – vier Jungen und ein Mädchen, die fünf Kinder der Familie Pringsheim aus München – ging seinerzeit durch viele Zeitungen und kam so auch dem jungen  Thomas Mann in Lübeck unter die Augen, der das Bild aus der Zeitung mit Reißnägeln über seinen Schreibtisch befestigte – nicht ahnend, dass die kleine Katia links im Bild später einmal seine Frau werden sollte …

Christian Wilhelm Allers, Zirkusjunge mit Äffchen (Ausschnitt)

Im Karneval oder Fasching gehört es vor allem für Kinder dazu, sich zu verkleiden und in andere Rolle zu schlüpfen. Da tun sich auch Freiheiten auf – und unerwartete neue Anblicke.

Wyatt Eaton, The Honourable Archie Gordon

Hans Carossa berichtet in seinen Erinnerungen „Verwandlungen einer Jugend“ von einer ganz besonderen Begegnung, die er zur Faschingszeit als Internatsschüler in Landshut hatte. Er war gerade auf dem Weg in den Studiersaal, wo die Schüler Wein versteckt hatten … 

… da begegnete mir auf der Stiege ein Knabe von ungewöhnlicher Schönheit. Er musste erst vor kurzem in die Anstalt eingetreten sein; ich entsann mich nicht, ihn vorher gesehen zu haben. Hugo meinte später, die Verzauberung sei größtenteils vom Kostüm ausgegangen, und vielleicht hatte er nicht ganz unrecht. Es ähnelte der Form nach dem meinigen, bestand aber fast ganz aus tiefschwarzem Samt, auch das Mützchen, das er über die lichtblonden Locken gestülpt hatte, war schwarz und einige silberne Tressen, die daran glänzten, erhöhten noch die dunkle Vornehmheit. Zu unverhüllt war wohl meine Bewunderung, als daß er sie hätte übersehen können; mit einem grauen Mädchenblick lächelte er mich zweifelnd an und hob eine weiße Narrenpritsche, die zu seiner Tracht eigentlich nicht paßte, versetzte mir einen derben Schlag auf die Schulter und sprang lachend über die Stufen hinab.“

Die „Maskenfreiheit jener Tage“ gab dem Kleinen das Recht, einen Größeren zu schlagen, und der schöne Knabe machte davon den allerfröhlichsten Gebrauch. Die Begegnung der beiden hatte Folgen und endete schließlich nach kurzer Zeit sogar tragisch.

Auch Hermann Hesse, ein Zeitgenosse Hans Carossas und Thomas Manns und von beiden geschätzt, hat eine kleine Faschingsszene überliefert, die er an einem Faschingsdienstag in Lugano erlebt hat. Auf der Piazza Riforma wogte der Karneval – viele kostümierte Erwachsene und Kinder. Darunter auch

… ein Kind, ein kleiner Knabe, wohl höchstens etwa sieben Jahre alt, ein hübsches kleines Figürchen mit unschuldigem Kindergesicht, für mich dem liebenswertesten Gesicht unter den hunderten. Der Knabe war kostümiert, er steckte in schwarzem Gewand, trug ein schwarzes Zylinderhütchen und hatte den einen seiner Arme durch ein Leiterchen gesteckt, auch eine Kaminfegerbürste fehlte nicht, es war alles sorgfältig und hübschgearbeitet, und das kleine liebe Gesicht war ein wenig mit Ruß oder andrem Schwarz gefärbt.

Unter all den erwachsenen Pierrots, Chinesen, Räubern, Mexikanern und Biedermeiern stand der Kleine ganz gebannt von dem Treiben auf dem Platz – vor allem schien er gar kein Bewusstsein davon zu haben, dass er etwas Besonderes und Lustiges sei und ihm so gut stehe. „Nein, er stand … und staunte mit träumerisch entzückten, hellblauen Augen aus dem glatten Kindergesicht mit den geschwärzten Wangen empor zu einem Fenster des Hauses, vor dem wir standen.“ Und ähnlich wie dem Knaben ging es auch Hesse selbst. Auch sein Blick und sein Herz waren mitten im Treiben „immer wieder dem einen Bilde zugehörig und hingegeben, dem Kindergesicht zwischen schwarzem Hut und schwarzem Gewand, seiner Unschuld, seiner Empfänglichkeit für das Schöne, seinem unbewussten Glück.“ (Hermann Hesse, Kaminfegerchen – 1953)

Anton Kozakiewicz, Knabenporträt

Hesse hatte ein Blick für Kinder und Jugendliche – immer wieder beschreibt er auch ehemalige Mitschüler, die ihm nicht zuletzt ihres schönen Äußeren wegen auffielen, darunter der „Schulkamerad Martin“: Aus der Zeit unserer ersten Bekanntschaft, als wir beide zwischen elf und dreizehn Jahre alt waren, erinnere ich mich seiner als eines munteren und vergnügten, aber nicht lauten Knaben von eher kleiner Gestalt mit zierlichen und geschickten Händen und einem angenehmen Gesicht, kräftigem Wangenrot und frischzarter, sich leicht bräunender Haut, wozu die hellbraunen Augen gut paßten.“ Die beiden verstanden sich trotz aller Gegensätze gut; während der junge Hermann eher zum Exzentrischen neigte, liebte sein Freund Martin das Saubere, Hübsche und Adrette. „Vor allem war er ein ganz vortrefflicher Indianer, und wenn ich seiner denke, so sehe ich ihn meistens in der Rolle und dem Kostüm des Irokesen oder Mohikaners, denn in dieser Rolle habe ich ihn manches Mal bewundert und auch beneidet, so gut stand sie ihm zu Gesicht und so schön verstand er sich herzurichten und zu kostümieren.“ (Hermann Hesse, Schulkamerad Martin)

Der Chemiker und spätere Nobelpreisträger Emil Fischer erzählt in seinen Erinnerungen von einem „karnevalistischen Aufzug“ in der  kleinen Universitätsstadt Erlangen, bei der es um die Verherrlichung des Weines gehen sollte. Der Institutsdiener führte, verkleidet als Küfer, eine große Bowle, die Fischer „aus 150 Flaschen Wein komponiert hatte“, in einem stattlichen Faß auf geschmücktem Handwagen in den Ballsaal hinein. „Auf dem Faß saß als Bacchus verkleidet ein hübscher zehnjähriger Knabe, der Sohn des Chirurgen Heinecke, und um das Faß verteilt saßen die drei Töchter Leubes als Nymphen. Beim Umzug der Gruppe stimmte die ganze Gesellschaft das bekannte Rheinweinlied an: »Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher … .« Die Bowle fand – wohl auch angesichts ihrer anmutigen Präsentation – Beifall und war innerhalb weniger Stunden ausgetrunken. (Emil Fischer, Aus meinem Leben – 1902)

Thomas Lawrence, Charles Hope als Bacchus

Einen fast karnevalesken Scherz gestatte sich der der italienische Goldschmied und Bildhauer Benvenuto Cellini (1500–1571). Nachdem eine Pestepidemie überstanden war, feierten die römischen Künstler gern gemeinsam. Einer von ihnen, Michelagnolo von Siena, lud zu einer Gesellschaft ein, bei der jeder „seine Krähe“ – gemeint war ein Mädchen – mitbringen sollte. Cellini fiel „ein Scherz ein, durch den ich die Freude zu vermehren gedachte. So entschlossen, rief ich einen Knaben von sechzehn Jahren, der neben mir wohnte, den Sohn eines spanischen Messingarbeiters; er hieß Diego, studierte fleißig Latein, war schön von Figur und hatte die beste Gesichtsfarbe. Der Schnitt seines Gesichts war viel schöner als des alten Antinous, ich hatte ihn oft gezeichnet und in meinen Werken große Ehre dadurch eingelegt.“ Ihn bat er zu sich, ließ ihn Frauenkleider anziehen und suchte, mit allerlei Schmuck sein reizendes Gesicht zu verschönern: „Ich legte ihm zwei Ringe mit großen schönen Perlen an die Ohren (die Ringe waren offen und klemmten das Läppchen so, als wenn es durchstochen wäre), dann schmückte ich seinen Hals mit goldnen Ketten und andern Edelsteinen, auch seine Finger steckte ich voll Ringe, nahm ihn dann freundlich beim Ohr und zog ihn vor meinen großen Spiegel. Er erstaunte über sich selbst und sagte mit Zufriedenheit: Ists möglich! das wäre Diego?“

Michiel Sweerts,, Knabe mit einem Turban (um 1657)

Als sie bei der Gesellschaft ankamen, waren schon alle Künstler mit ihren „Krähen“ beisammen. Michelagnolo von Siena war voller Bewunderung über den verkleideten Knaben und sagte: „Sehet nur, so sehen die Engel im Paradiese aus! Man sagt immer nur Engel, aber da sehet ihr, daß es auch Engelinnen gibt. Dann mit erhobener Stimme sprach er: O schöner Engel, o würdiger Engel, beglücke mich, segne mich! Darauf erhob die angenehme Kreatur lächelnd ihre Hand und gab ihm den päpstlichen Segen. Michelagnolo erhub sich und sagte: Dem Papst küsse man die Füße, den Engeln die Wangen! Und so tat er auch. Der Knabe ward über und über rot, und seine Schönheit erhöhte sich außerordentlich.“ Später entdeckten zwei Frauen, dass es sich bei der engelhaften Schönen um einen Knaben handelte … es gab viel Gelächter und der Abend endete vergnüglich. (Das Leben des Benvenuto Cellini, übersetzt von Johann Wolfgang von Goethe, 1803)

Die Lust am Sich-Verkleiden und Kostümieren muss sich also nicht auf den Karneval beschränken. Thomas Mann beschreibt in seinem Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, wie der hübsche junge Felix mit großem Vergnügen seinem malenden Paten Schimmelpreester in dessen Werkstatt am Rhein stundenlang auf einem roh gezimmerten Podest Modell stand,

„… was mich um so mehr ergötzte, als er mich dazu in die verschiedensten Trachten und Verkleidungen steckte, von denen er eine reichhaltige Sammlung besaß“. […] Hierbei erntete ich viel Lob von seiten des Künstlers, denn ich war überaus angenehm und göttergleich gewachsen, schlank, weich und doch kräftig von Gliedern, goldig von Haut und ohne Tadel in Hinsicht auf schönes Ebenmaß. (Thomas Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull – 1954)

Theodor Kleehaas, Knabe in historischem Gewand

Und in Eva Maasers Roman „Der Clan der Giovese“ wird der ungewöhnliche familiäre Brauch einer römischen Familie beschrieben, sich zu bestimmten Anlässen – wie etwa der Geburtstag des Kaisers Augustus – zu verkleiden, um alte Gemälde und Figurengruppen nachzustellen. Alle liefen  in antiken Gewändern herum, was auch auf Fotos festgehalten wurde. Der Jüngste musste dabei immer in die Rolle eines Amors schlüpfen: „Schau, das bin ich.“ Er deutete auf einen nackten, etwa fünf Jahre alten Knaben mit dunklem Lockenhaar, der schlafend, einen Pfeil in der Kinderfaust, in der gleichen Pose wie Michelangelos Amor auf einem weißen Laken lag. Die anderen Fotos zeigten ihn etwa drei Jahre älter in der Rolle des Parmigianino-Amors. […]

Leopold Hamilton Myers als „The Compassionate Cherub“, fotografiert von Eveleen Tennant

Zweifellos hatte Carlo als fünf- und achtjähriger Knabe mit den wirren dunklen Locken und der hell schimmernden Haut äußerst reizvoll ausgesehen. Die Fotos gaben perfekt das Pfirsichinkarnat und die Weichheit seiner jungen Haut wieder. Im Falle von Parmigianinos Amor war die Umsetzung des Gemäldes ins Foto erstaunlich gut gelungen, die Bezeichnung bildschön konnte nicht besser illustriert werden, Carlo war ein bildschöner Knabe gewesen. (Eva Maaser, Der Clan der Giovese – 2013)

 

Das könnte dich auch interessieren …