Fisherman’s Son

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Friedrich von Amerling, Fischerknabe (1867)

Neben dem Hirtenknaben, der ja schon in der Antike ein Mythos ist (siehe dazu „Mythos Hirtenknabe“), begegnet in der Literatur auch oft der Fischerknabe. Möglicherweise bildet das in vergangenen Jahrhunderten gepflegte Idealbild eines antiken Arkadiens auch den Hintergrund für diesen Typos. Es sind aber verschiedene Gründe, die hierfür eine Rolle gespielt haben.

Zum einen traf man am Meer, wohin es viele Reisende zog , naturgemäß die Fischerfamilien mit ihren Kindern, die oft schon mithelfen mussten oder die einem Fremden behilflich sein und die Umgebung erklären konnten. Friedrich Theodor Vischer beschrieb gleich zweimal seine Begegnung mit einem kleinen Fischerjungen in Sorrent, der er sich zum „Cicerone“, also zum Führer, ausborgte.

In einer Fischerhütte bildschönen Knaben mitgenommen. Sieht dem putto gleich rechts unten auf Raffaels Sixtina, der den Kopf auf die Aermchen legt und so küssenswert den Zuschauer ansieht. Starke Brise. Wie weit kann man auf die Klippen jetzt hinaus? »Paolo weiß schon.« Brandung wilder und wilder, ein göttliches Wüten. Wir stehen mitten drin auf einer der durchfressenen Klippen. Schaumwelt wie ein wahnsinniger Traum, Riesenfächer ausgebreitet, Federbüsche, breite Wasserraketen aufschießend, bäumende Rosse, Bären, Elefanten, Zentauren, Fabelungeheuer, – Gestalt in Gestalt verrinnend, Zischen, Speien, Pfeifen, Heulen, Klagen, Jauchzen, Kichern, Johlen, Wiehern, Brüllen, Baß und schrille Hochtöne einer Riesenorgel, – Kanonenschüsse, Donnerschläge, – wir zwanzigmal überschüttet, Paolos rote Mütze fort, in den Strudeln umgezerrt – o, so wohl, so frei ist mir’s nur in der Schlacht gewesen, mir, der sonst mäßigen Wind nicht erträgt. – Paolo schlägt die großen dunkeln Augen unter den triefenden langen Wimpern doch etwas ängstlich nach mir auf. »Sei ruhig, caro ragazzo, uns geschieht nichts. Das kommt nicht von den Teufeln, kommt von guten Geistern, mir zu Ehren aufgeführt, zur Labung nach all der Qual!« – Ich stürme, jauchze, donnere mit, entbunden, frei alles und jedes, was Kraftahnung in mir ist. Hohe, herrliche Trunkenheit  (Friedrich Theodor Vischer, Auch einer – 1879)

Auch Eduard Engel wurde bei seinem Aufenthalt in Griechenland ein Knabe zur Begleitung mitgegeben, der dann selbst auf Fischfang geht:

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Edward Poynter, Outward Bound (1896)

„Beim Feuerglanz der Spätnachmittagsonne lese ich unter den rauschenden Zypressen des zierlichen Klosters die Gesänge V bis VIII der Odyssee. Der Barkenführer hat mir nur seinen zehnjährigen Buben, einen Ausbund südlicher Knabenschönheit, mitgegeben, und das reizende nacktbeinige Kerlchen setzt sich unverfroren neben mich auf die Steine des Uferdammes und schickt sich an, auf die Fischjagd zu gehen. Reichlich zehn Fuß lang ist sein Fischerstecken, und unten sitzt ein Vierzack dran, womit das Phäakenbüblein unglaublich behende einen Fisch nach dem andern aufspießt, wie ein junger Meergott zwischen den Uferkieseln umherspringend. Da er genug hat zum Abendessen für seine ganze Familie, setzt er sich wieder neben mich und guckt mir ins Buch. ‚Ich kann auch lesen.‘ – ‚So? dann lies einmal hier.‘ – Der Knabe liest mir aus der Odyssee die Verse griechisch vor.“ (Eduard Engel, Griechische Frühlingstage – 1887)

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Gustav Richter, Neapolitanischer Fischerknabe

Zum anderen hatte es den italienbegeisterten Malern und Bildhauern die angeborene Anmut niedlicher „Lazzaroni“-Buben mit schwarzen Augen und Locken, die Schmutz und Lumpen überstrahlten, angetan; so soll der Maler Eduard Magnus, als er seinen berühmten Fischerknaben malte, sich einen auffallend hübschen Buben in die Werkstatt bestellt haben, doch trat dieser Junge mit einem geborgten Hut und geliehenen unzerrissenen Hemd bei dem vornehmen deutschen Maler ein, so dass dieser ihn eilig heimschicken musste, damit er seine malerisch-zerlumpten Kleidungsstücke wieder anlege …

„Seine Kleidung, die schon manchen Sturm erlebt hatte, mißgönnte uns nicht den Anblick seiner Glieder, die zierlich, aber sehnig waren; kurze braune Locken umrahmten sein freundliches, kluges Gesicht, das von einem nach hinten geschobenen, schon längst nicht mehr neuen Hute nur wenig beschattet wurde. So könnte ein Hermes aussehen, wenn es ihm gefiele, sich in solche menschliche Armseligkeit zu kleiden.“ (Rudolf Menge, Ithaka nach eigenen Anschauungen geschildert – 1891)

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Edmond de Pury, Pêcheur de Capri

Mitunter konnte mancher Knabe, so nah am Meer, sogar gänzlich auf seine Kleidung verzichten: „Ein Fischer kam uns entgegen, begleitet von einem prächtig gewachsnen Burschen, der wahrscheinlich glaubte, daß sein zierlich aus Schilfhalmen geflochtnes und keck auf die rabenschwarzen Locken gedrücktes Mützchen eine vollkommen auseichende Bekleidung vorstelle. Der Jüngling schleppte ein paar fast meterlanger Fische, deren Ankauf ich mir der herrschenden Cholera wegen versagte; er war so bildschön, daß ich mich eiligst daran machte, das Dreifußgestell meines Apparates aufzustellen, denn nie habe ich einen Menschen getroffen, der mit Matkowsky in seinen Jugendjahren mehr Aehnlichkeit gehabt hätte als dieser broncefarbene Hindu.“ (Kurt Boeck, Indische Gletscherfahrten – 1900)

Schließlich sind Meer und Wasser auch Symbole des erotisch Anziehenden und zugleich Gefährlichen. In seiner Ballade „Der Fischer“ schildert Johann Wolfgang von Goethe einen Fischer, der von einem aus dem Wasser steigenden Weib umgarnt und in dasselbe gezogen wird. Vorbild dieser – später auch das Loreley-Motiv prägenden – Erzählung ist die griechische Hylas-Sage, nach der dieser junge und schöne Begleiter des Herakles von Nymphen in die Tiefe gezogen wurde. Mehrfach ist dieses Ballade auch ins Bild gesetzt worden, was der Dichter nicht verstehen konnte; in einem Gespräch mit Eckermann merkte er 1823 an: „Da malen sie z. B. meinen ‚Fischer‘ und bedenken nicht, daß sich das garnicht malen läßt. Es ist ja in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin, und wie läßt sich das malen? “ 

1828 Der Fischerknabe und die Nixe | JULIUS HÜBNER

Julius Hübner, Der Fischerknabe und die Nixe (1828)

Das Wasser und all „das Anmutige, was uns im Sommer lockt“ hat er dann in seinem Roman Wilhem Meisters Lehrjahre auch als Erlebnis in jungen Jahren zum Ausdruck gebracht. Da war es Adolf, der Sohn des Fischers, der ihn ins Wasser lockte:

„Der ältere dieser Knaben jedoch, an Jahren wenig vor mir voraus, der Sohn des Fischers […], ein Knabe, der mich bei seinem ersten Auftreten gleich besonders angezogen hatte, lud mich ein, mit ihm nach dem Fluß zu gehen […] Wir setzten uns mit ein paar Angelruten an eine schattige Stelle, wo im tiefen, ruhig klaren Wasser gar manches Fischlein sich hin und her bewegte. Freundlich wies er mich an, worum es zu tun, wie der Köder am Angel zu befestigen sei, und es gelang mir einigemal hintereinander, die kleinsten dieser zarten Geschöpfe wider ihren Willen in die Luft herauszuschnellen. Als wir nun so zusammen aneinandergelehnt beruhigt saßen, schien er zu langweilen und machte mich auf einen flachen Kies aufmerksam, der von unserer Seite sich in den Strom hinein erstreckte. Da sei die schönste Gelegenheit zu baden.

FrederickWalker-Tummerdays(1866)

Frederick Walker, Summer days (1866)

Er könne, rief er, endlich aufspringend, der Versuchung nicht widerstehen, und ehe ich mich’s versah, war er unten, ausgezogen und im Wasser. […] Da war es denn ihm leicht, mich hinunterzulocken, eine nicht oft wiederholte Einladung fand ich unwiderstehlich und war, mit einiger Furcht vor den Eltern, wozu sich die Scheu vor dem unbekannten Elemente gesellte, in ganz wunderlicher Bewegung. Aber bald auf dem Kies entkleidet, wagt’ ich mich sachte ins Wasser, doch nicht tiefer, als es der leise abhängige Boden erlaubte […] und als er sich heraushob, sich aufrichtete, im höheren Sonnenschein sich abzutrocknen, glaubt’ ich meine Augen vor einer dreifachen Sonne geblendet: so schön war die menschliche Gestalt, von der ich nie einen Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer unverhüllt gegeneinander, unsere Gemüter zogen sich an, und unter den feurigsten Küssen schwuren wir eine ewige Freundschaft.“ (Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre – 1821)

Doch in die Tiefe gezogen wurde in dieser Geschichte schließlich Adolf selbst: Noch selbigen Tags ertrank er beim Fangen von Krebsen, da sich andere Kinder in Angst an ihn geklammert und unters Wasser gezogen hatten …

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