Berufene Schönheit

Reni---David

Guido Reni, Der junge David (um 1620)

„Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“ So heißt es im 1. Buch Samuel (1 Sam 16,7), aus dem am 4. Sonntag in der Fastenzeit gelesen wurde. Und doch salbte der Prophet Samuel ausgerechnet David, den Jüngsten der Söhne Isais, zum König, denn: „David war blond, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt. Da sagte der Herr: Auf, salbe ihn! Denn er ist es“ (1 Sam 16,12).

Sieht vielleicht Gott doch auf ein schönes Äußeres? Schon unter dem ersten Brüderpaar der Bibel findet man in Abel, dem Zweitgeborenen Adams und Evas, einen immer wieder als schön beschriebenen und dargestellten Knaben, dessen Opfer Gottes Wohlgefallen fand.  Weil er aus Neid von Kain erschlagen wurde, zählten die Kirchenväter ihn zu den Märtyrern und verstehen ihn als Typos Jesu Christi (Gen/1.Mose 4,1–16).

Fagel

Léon Fagel, Abels erstes Opfer (1887)

„Eva pflegte des Kindes und sprach: Ich habe das Zeichen Gottes an ihm gesehen, darum will ich sein pflegen mit Sorgfalt. Und der Knabe nahm zu an Weisheit und Anmuth, und Adam gab ihm eine Heerde, daß er sie weidete, und die Heerde ward schön und groß, und die Lämmer liebten den Jüngling; denn Abel war freundlich und gottesfürchtig. Cain aber zürnte in seinem Herzen und es erhub sich in ihm der Neid und die Bosheit, daß Jehovah mit Abel war. Denn Cains Herz war böse von Jugend auf, und der Herr war nicht mit ihm. – Und am Tage seiner Geburt brachte Abel dem Herrn ein Opfer und weihete ihm von den Erstlingen seiner Heerde, und sein Herz war voll Freude und Dankes. Aber Cain ergrimmte über seinen Bruder, und seine Gebehrde verstellte sich und er schlug seinen Bruder Abel auf das Haupt, daß er zur Erde sank. Und Cain hohnlachte über dem Gefallenen und verließ ihn in seinem Blute.

Da kamen der Vater und die Mutter des Jünglings und fanden den Erschlagenen, und Eva neigte sich über ihn und weinete sehr. Abel aber erhob sein blutendes Haupt und wandte seine Augen empor zu den weinenden Eltern, und ein holdseliges Lächeln umschwebte seine Lippen und sein Antlitz. Nun neigte er wiederum sein Haupt und gab den Geist auf, und die Gestalt des Todten war freundlich.“ – Friedrich Adolph Krummacher, Das erste und letzte Lächeln (Parabeln, 1829) 

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Jacques Joseph Tissot (ca. 1896)

Eine weitere Knabengestalt  – was bei Abel altersmäßig ja nicht unbedingt der Fall ist – findet sich auch in der frühen Geschichte Israels: der Abraham und Sara noch im hohen Alter geschenkte Sohn Isaak. Vor allem die Szene, in der Abraham ihn auf das Geheiß Gottes hin auf dem Berg opfern soll, wird beschrieben und ausgemalt. Und weil Isaak zu dieser furchtbarem Tat sein das Holz für das Opfer selbst auf dem Rücken trägt, gilt auch er als Typos Christi. Daher nahmen christliche Kommentatoren für ihn oftmals ein Alter von 13 Jahren an oder betonten wie der Kirchenvater Johannes Chrysostomus, der eine ähnlichen Altersvorstellung hatte, die „äußere Eleganz und die innere Schönheit des Jungen, den Gehorsam, die Anmut und die Blüte seiner Jahre.“ So hat ihn auch Hans Waldenburg in „Sterbende Götter“ (1933) gezeichnet.

Über dem Tal, auf der Höhe, war der Altar. Mehr als sonst stand dort Abraham im Morgengrauen, opferte und predigte von dem Idamen seines Herrn, des ewigen Gottes. Isaak, sein Knabe, fehlte nie am Altar. Die jungen Augen schauten auf den Vater; er reichte Steinmesser und Feuerbrand zur heiligen Handlung. Eine Liebe, zarter und gewaltiger als je eine auf Erden, war zwischen den beiden. Abraham hatte Ismael auf Els Geheiß von sich gestoßen, die Liebe zu Hagar aus seiner Brust gerissen. Immer noch blutete die Wunde seines Herzens; sie trieb ihn, stets aufs neue, zu seinem Gott … und zu Isaak. Seine großen, dunklen Augen ruhten oft auf dem Verheißenen, sahen in ihm das heiligste Geheimnis seines Lebens sichtbar werden, und erblickten in dem schlanken Knaben den Anfang des heiligen Gottesvolkes, das Henoch erschaute, über Isaaks frommem Sinn, seiner Liebe zu dem Allmächtigen, entbrannte sein Herz in heißer Dankbarkeit.

Am Opferaltar erstrahlten die dunklen Augen des Knaben in unirdischer Schönheit. Schöner noch als Saras Augen sind die Augen Isaaks, dachte der Urvater, in ihnen erglänzt das reine Licht vom Thron des Erhabenen. Durch seine Seele gingen die Schauer des Friedens, die er einstmals unter Melchisedeks segnenden Händen verspürte. Seliger war niemand auf Erden als Abraham in diesen Jahren. Und die Liebe zu Isaak, dem gottverheißenen Sohn…

Isaak überlebt, weil Gott, als er Abrahams Gehorsam sah, durch seinen Engel einen Widder schickte, der sich im Gebüsch verfing und stellvertretend für Isaak geopfert wurde. Auf dem Bild von Gerhardt Wilhelm von Reutern ist links am Bildrand zu erkennen, wie der Widder sich so in den Dornen verfängt, dass er geradezu mit einer Dornenkorne erscheint.

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Gerhardt Wilhelm von Reutern, Abraham und Isaak (1849 – Ausschnitt)

Ein weiterer schöner Junge aus der Frühzeit der Bibel: Joseph, der jüngste Sohn Jakobs, der wiederum Isaaks Sohn war. Joseph war der Sohn seiner Lieblingsfrau Rachel, von daher von ihm gegenüber seinen Brüdern bevorzugt, was ihm Neid und Eifersucht einbrachte. Die wollten den Siebzehnjährigen schon umbringen, indem sie ihn in eine Zisterne warfen, aber verkauften ihn dann doch an vorbeiziehende Kaufleute nach Ägypten. Thomas Mann hat ihn in seinem Werk „Josef und seine Brüder“ so beschrieben: „Joseph war siebzehn Jahre alt und in den Augen aller, die ihn sahen, der Schönste unter den Menschenkindern. […] Ein Jüngling von siebzehn ist nicht schön im Sinne vollkommener Männlichkeit. Er ist auch nicht schön im Sinne einer bloß unpraktischen Weiblichkeit – die wenigsten würde das anziehen. Aber soviel ist zuzugeben, daß Schönheit als Jugendanmut seelisch und ausdrucksweise immer ein wenig ins Weibliche spielt; das liegt in ihrem Wesen, ihrem zarten Verhältnis zur Welt und dem Verhältnis der Welt zu ihr begründet und malt sich in ihrem Lächeln. Mit siebzehn, das ist wahr, kann einer schöner sein als ein Weib und Mann, schön wie Weib und Mann, schön von beiden Seiten her und auf alle Weise, hübsch und schön, dass es zum Gaffen und Sichvergafffen ist für Weib und Mann.“

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Ottavio Vannini (1585 – 1644), Joseph und seine Brüder (Ausschnitt)

Über Joseph, den Ägypter, wie er in Abgrenzung zum heiligen Joseph, dem Ziehvater Jesu, genannt wird, kommt das Volk Israel nach Ägypten und wird dort erst nach langer Zeit durch Mose wieder in die Heimat geführt. Mose ist schon von Kindheit an erwählt, was sich nicht zuletzt in seinem Äußeren ausdrückt, wie es gleich zu Beginn des 2. Kapitels im Buch Exodus (2. Mose) heißt: „Ein Mann aus einer levitischen Familie ging hin und nahm eine Frau aus dem gleichen Stamm. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Weil sie sah, dass es ein schönes Kind war, verbarg sie es drei Monate lang.  Als sie es nicht mehr verborgen halten konnte, nahm sie ein Binsenkästchen, dichtete es mit Pech und Teer ab, legte den Knaben hinein und setzte ihn am Nilufer im Schilf aus …“

Die Vorstellung von Schönheit als ein Zeichen des Besonderen, ja göttlicher Erwählung trifft nicht nur auf David, sondern auch auf  Mose zu:  „Moyses übertraf zweifellos an Seelengröße und Fähigkeit zur Ertragung von Beschwerden alle anderen Hebräer, wie Gott verheißen hatte. […] Als er drei Jahre alt war, verlieh Gott ihm einen hohen, schlanken Wuchs und eine so große Schönheit, dass niemand, wenn er auch noch so unempfänglich für äußere Vorzüge war, ihn anschauen konnte, ohne von seiner Gestalt entzückt zu sein“ (Josephus Flavius). 

Botticini

Francesco Botticini, Die drei Erzengel und Tobias (1470 – Ausschnitt)

Zum geradezu kindlichen Heiligen wird auch der junge Tobias aus der kleinen alttestamentlichen Tobit-Erzählung durch seine Darstellung auf vielen Bildern stilisiert. Vor allem auf Bildern, die seine Reise mit dem ihn inkognito begleitenden Erzengel Raphael (und Hund) erscheint er oft knabenhaft, obgleich er doch nach der biblischen Erzählung im heiratsfähigen Alter ist …

Moritz Heimann, einst Lektor im S. Fischer-Verlag und Begleiter mancher literarischen Größen, hat eine kleine Novelle zu dieser Szene geschrieben, „Die Tobias-Vase“ (1905). In ihr geht es um den märkischen Pastor Severin, der seinen Zögling, den äußerlich stumpfen, doch im Innern wachen Judenknaben Gaston, ein Waisenkind, mit Hilfe des Fisches auf dem Bild von Botticini „Die drei Erzengel und Tobias“ zur Lehre des Christentums führen will. Aber er tut dies lieblos, bleibt belehrend, ja letztlich abweisend, so dass der Knabe, der von ihm eigentlich gern an die Hand genommen werden möchte, ihm eine Vase, die auch das Tobias-Motiv trägt, mit der Schleuder kaputt schießt.

Auf der steinernen Brücke des Dorfflußes saß Gaston, ließ seine Beine über dem Wasser baumeln und sonnte sich den Rücken. Neben sich hatte er den neugewonnenen Freund, den Hund, und kraulte ihm ohne Scheu das Fell. Der Pastor vergaß in seiner Zerstreutheit, den Jungen zu tadeln, weil er aus der Werkstatt geblieben war, und achtete auch nicht darauf, daß Knabe und Hund sich ihm anschlossen. Bald zögernd, bald stürmisch ging er dahin, und ohne ein Wort zu sagen folgte ihm Gaston, ohne einen Laut der Hund.

Der Pfarrer, dem es nicht um Wahrheit, sondern um sein vermeintliches Recht zu tun war, gedieh zu keinem Ergebnis und kam in ein dumpfes, rastloses Zürnen. Plötzlich wandte er sich mit einem heftigen Ruck nach seinen Begleitern um; er sah sie an, und da blitzte ihm ein verzerrtes Bild ihrer Gemeinschaft durch den Sinn, die lächerliche Ähnlichkeit mit der Wanderung Tobiä, Engel, Knabe und Hund. Die Wut rötete sein zartfarbenes Gesicht, mit harten, scheltenden Worten trieb er den Jungen zurück. Nach ein paar Schritten drehte er sich nochmals um, drohte mit der Faust, ja vergaß sich so weit, daß er, als der Knabe wieder stehenblieb, sich in der Art, wie man einen Hund scheucht, zur Erde bückte, als wenn er einen Stein aufheben wollte.

Kaum aber war er nun, wie er meinte, erleichtert, weitergegangen, so kam es mit einer peinvollen Bitterkeit über ihn. Er erkannte, daß der Junge, dem er ein geistigeres, seelischeres Leben so oft hatte einreden und aufschwatzen wollen, heute zum erstenmal aus einem zarten Gefühl und guten Herzen sich ihm genähert hatte.

OPie

John Opie (1761–1807), The calling of Samuel

Und noch manch andere wären zu nennen – der junge Samuel etwa, der im Alter von drei Jahren an das Heiligtum von Silo in die Obhut des Priesters Eli kam. Dort wurde er eines Nachts von Gott gerufen – und antwortete ihm auch: Rede, Herr, dein Diener hört.“ Als berufener Prophet sollte er später seinerseits den jungen David zum König salben. Oder  Timotheus, von dem es im Neuen Testament heißt, dass er die Schriften schon als Kind kannte (2 Tim 3,15); er wurde später hoch geschätzter Mitarbeiter des Apostels Paulus und erster Bischof von Ephesus.

All diese biblischen Knaben (und andere) dienten früher Kindern als Vorbild im Glauben, und gefällige Darstellungen sollten diesen stützen helfen. In einem frommen Kinderlied aus dem Jahr 1864 werden Samuel und Timotheus auch genannt:

Wie schöne Züge hebet mir / mein Bibelbuch hervor, / von Kindern, welche mit Begier / der Wahrheit lieh’n ihr Ohr!

Mein Jesus, welcher königlich / regiert der Welten Zahl, / war einst ein Kind, so jung als ich, / und that, was Gott befahl.

Im zwölften Jahr schon Sein Verstand / verwundert Jedermann; / doch folgte Er der Mutterhand / und war ihr unterthan.

Die Kinder riefen Davids Sohn / ein Hosianna nach, / Wie Gottes Mund vorzeiten schon / durch David einst es sprach.

Der Knabe Samuel kam dort, / zu dienen Gott, dem Herrn; / Timotheus las Gottes Wort / in seiner Jugend gern.

Sollt’ ich in später Zeit erst thun, / was And’re früh gethan? / Nein, ich will keinen Tag mehr ruh’n: / noch heute fang‘ ich an.

Timotheus

James Sant (1820–1916), The infant Timothy unfolding the Scripture

 

 

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