„Holder Knabe …“

„Wir hatten uns am Abend des 23. Dezembers in dem alten Steinhaus versammelt, wir Kinder, wie wir zu tun pflegten, während Fräulein Anna Charlotte den Weihnachtsbaum schmückte und die alte Frau Kammerherr in ihrem großen Sessel Pfeffernüsse und 2 Pfefferkuchen auf großen Platten richtete …“

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Hans Heyerdahl, Italienergutt / Italian boy (1881)

Weil am Abend des 24. Dezembers schon Weihnachten gefeiert wird, fand (und findet) in Dänemark die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest bereits am Vorabend des Heiligabend  statt, wie Hermann Bang sie in einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 1903 beschreibt. Mitten in die Ausgelassenheit, während die Kinder um den Baum tanzen und in einer Reihe durch die Flure und über die Treppen des Hauses, platzen unerwartete Gäste:

Anna Charlotte blieb mitten in der Wohnstube stehen und starrte auf zwei Fremde, die sich absonderlich, zerlumpt, verschreckt in einer Ecke verbargen. Es war ein Mann mittleren Alters mit wirrem, grauem Bart in einem hundert Jahre alten Reisemantel, einem Postbotenreisemantel, der voller Löcher war. Auf dem Schoß hatte er ein Äffchen, das vor Kälte zitterte. Und an seinen Arm gedrückt war ein Junge mit einem ungeheuren Haarschopf, dicht wie ein Wald, und einem Paar Augen, die entweder aus Erstaunen oder aus Angst weit aufgerissen waren. Jungfer Ebberup sagte, Kutscher Jens habe sie in der Schmiedestraße gefunden und sie frören so schrecklich. So hatte er sie mitgenommen.

„Wie hübsch er ist“, sagte Anna Charlotte, die den Jungen unverwandt anstarrte.

Seine Augen waren so schön wie die Augen derer, die einmal alle Frauen betören, oder derer, die bald sterben müssen. „Gib ihnen etwas zu essen!“ sagte sie. (Hermann Bang, Weihnachtliche Gäste; Ü: Dieter Faßnacht)

Der „Weihnachtsgast“ ist ein fester Begriff – früher gab es den Brauch, an Weihnachten für einen unerwarteten Gast ein zusätzliches Gedeck bereit zu halten. Nicht wieder sollte in dieser Nacht jemand vergeblich um Eintritt und Unterkunft bitten, wie es damals bei der Geburt Christi geschah und wie es beim Evangelisten Johannes heißt: „Er kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

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Ethel Porter Bailey, Master Geoffrey Harmsworth (1910)

In seiner Erzählung „Der Weihnachtsabend des Rebb Abramowitsch“ (1893) lässt Leopold von Sacher-Masoch einen alten Juden am Heiligabend zufällig in ein christliches Haus geraten, wo man gerade bei der Heiligabendfeier ist. Schon will ihn der Hausherr hinausjagen, „da eilte ihm ein großer Knabe nach, groß und schön, neun oder zehn Jahre alt, mit blondem Haar, auf dem der goldige Wiederschein des Christbaumes spielte, und großen blauen Augen. Das Kind nahm Rebb Abramowitsch bei der Hand und sah ihn an. Der arme Jude wußte nicht, wie ihm geschah.  Er hatte in der Kabbalah von den verschiedenen Heeren der Engel gelesen, welche die Himmel beleben, aber er hatte noch nie einen Engel gesehen. Jetzt aber war es, als stände einer vor ihm. Das Kind sah ihn an, mit diesen überirdischen Augen, in denen der Traum eines Glückes war, das nicht ist, einer Schönheit, die man nicht findet, einer Wahrheit, die man vergebens sucht, einer Liebe, die nicht von dieser Erde ist.“ – (Text im Buch TB)

Eine solche besondere Begegnung an Weihnachten kommt literarisch öfter vor; in seinen „Briefen aus Italien“ beschreibt Friedrich Theodor Vischer ein im wahrsten Sinne denkwürdiges Erlebnis, das er in jenem Land hatte:

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Frederic Leighton, Paolo (1875)

An Weihnachten legte das Christkindle ein, jeder kaufte ein Geschenk, man zündete einen Baum (d. h. keinen Tannebaum, denn die gibt’s nicht, sondern einen grossen Lorbeer) an, und vertheilte die Geschenke durch das Loos. Das Zimmer war von den Künstlern im edelsten Geschmake mit Festons etc. verziert. Es gieng sehr lustig her, ich war aber nachdenklich und in mich gekehrt, denn ich hatte mich diesen Abend verliebt. Es sahen die Kinder der Hausleute Anfangs zu, darunter ein Knabe von etwa 9 Jahren, bleich, herrlich schwarze Locken, das edelste südliche Gesicht und lange schwarze Wimpern über den dunklen grossen Augen. Ich machte Reinick auf den bildschönen Jungen aufmerksam und sagte, er erinnere mich an gewisse Bilder von Velasquez, und wirklich bestätigte sich meine Meinung, denn der Junge hat eine spanische Mutter. Dieses Bild schwebte mir den ganzen Abend vor, ich dachte an so allerhand, an Plato und was er sagt von schönen Knaben, wie der Weise erschrickt und erstaunt, wenn er das Urbild der Schönheit plötzlich verwirklicht sieht, und an das Symposion, und wie diese Welt Plato’s verschwunden sei, und wie auch dieser Knabe verblühen werde, und ich weiss selbst nicht, was Alles, ward still und trollte mich nach Hause. (Friedrich Theodor Vischer, Briefe aus Italien – 1840)

Nach Italien zog es  ja viele Dichter und Maler aus Deutschland; ein drolliges Erlebnis findet sich in der Erzählung „Ein Weihnachtsmorgen in Rom“ von K. Detlef (1873). Er besucht an diesem Morgen die altehrwürdige Kirche Santa Maria Maggiore und hat dort eine Begegnung eigener Art:

Das Hochamt hatte noch nicht begonnen. Obgleich Tausende von Menschen versammelt waren, deren Zahl durch Neuankommende immer vermehrt wurde, war die Kirche kaum gefüllt, und man konnte im Hauptschiff sowohl, wie in den Seitenschiffen auf und nieder wandeln. Die Besucher gehörten meistens den unteren Ständen an. Hier und da tauchten pittoreske Volkstrachten auf, die in Rom leider zur Seltenheit geworden sind. Einige stolze, kräftige Gestalten mit charaktervollen dunklen Köpfen mochten aus der Campagna hereingekommen sein; auf dem schwarzen Haar saß der spitze Hut, und gegen die Nachtluft schützte der braune, am Rande ausgefaserte Filzmantel, der, mit keckem Wurf um die Schultern geschlagen, von ungemein malerischer Wirkung ist, dessen Nähe man jedoch aus leicht begreiflichen Gründen gern vermeidet.

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Guido Bach, Schäferknabe in der Kirche (1870)

Ein ideal schöner Knabe mit klassisch reinen Zügen, prachtvoll blitzenden Augen und dunkler Lockenmähne fiel mir auf, der in seinem gelblich braunen Wamms mit dem Anstande eines kleinen Prinzen einherschritt. Das Gesicht kam mir bekannt vor – richtig! ich hatte ihn gestern Abend im deutschen Künstlerverein gesehen, wo er mit in dem Weihnachtstableau gestanden. Der kecke Bursche bemerkte, daß ich ihn mit Vergnügen betrachtete, und auf einen Wink näherte er sich mir mit stolzem Selbstgefühl. Ich fragte ihn nach Namen und Alter. Die Antworten erfolgten rasch und präcis, von ausdrucksvoller Fingersprache begleitet. „Vuole fare il mio ritratto?“ sagte er mit einem Lächeln, das seine weißen Zähne zeigte. „No, non sono pittore“, entgegnete ich auf das freundschaftliche Anerbieten. Seine Miene verrieth eine gewisse Enttäuschung, er mochte gehofft haben, daß ich ihn zu einer Modellsitzung engagiren würde. Von nun an flößte ich ihm kein Interesse ein, er war plötzlich verschwunden, ehe ich ihm ein paar Soldi geben konnte. Ich wollte ihn suchen, wurde jedoch daran durch das Erscheinen der Prozession gehindert, die sich von der Taufkapelle aus nach der Tribüne begab. […]

Die Messe nahm ihren Anfang von sehr mangelhaft ausgeführtem Orgelspiel und Chorgesang unterbrochen. Die Geistlichkeit in ihren weiß und goldenen Gewändern in den hohen Chorstühlen sitzend, vom Schein der tausend Kerzen umstrahlt, gab ein wundervolles Bild. Der Aktus selber vermochte nicht meine Aufmerksamkeit zu fesseln, es wäre bei diesem fortwährenden Gehen, Kommen, Drängen und Schieben der Menschen auch unmöglich gewesen, einigermaßen ernste Sammlung zu bewahren. Ich zog es vor, den schönen Jungen aufzusuchen, um ihm die ihm zugedachten Soldi einzuhändigen. In einem Seitenschiff fand ich ihn, wo er an einem Beichtstuhl kniete und nur darauf wartete, daß der Geistliche die reuige Sünderin an der andern Seite entlassen würde, um dann seine Beichte zu beginnen.

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Didier Haudepin im Film „Les amitiés particulières“ (1964)

Als ich, in einiger Entfernung stehen bleibend, ihm ein leises Zeichen machte, verstand er sofort, um was es sich handle, und es gab jetzt eine köstliche kleine Scene, die einem Genremaler das reizendste Motiv geliefert haben würde. Das grauhaarige Haupt des Geistlichen in der dunklen Umrahmung des Beichtstuhls und der schöne schwarze Lockenkopf des Knaben bildeten einen wirkungsvollen Gegensatz. Der kleine Bursche theilte seine Aufmerksamkeit zwischen mir und seiner frommen Pflicht; bald bedeckte er das Antlitz mit den Händen und murmelte eifrig in das ihm zugeneigte Ohr des Priesters hinein, bald richtete er sich auf und winkte mir mit den großen schwarzen Augen zu, ja auf ihn zu warten, es würde nicht lange dauern! Das ganze Gesicht des achtjährigen Buben schien dann Sprache geworden, so ausdrucksvoll war seine Mimik. Und sowohl die Andachtsübungen wie die stumme Unterhaltung mit mir folgten sich in blitzschnellem Wechsel. Dabei entwickelte er eine wahrhaft entzückende Grazie und Lebendigkeit der Bewegungen.

Kaum war er absolvirt, so war er mit ein paar Sprüngen neben mir und nahm mit einem: mille grazie die Soldi in Empfang. Sein Vater, der in der Nähe stand und uns wohlgefällig beobachtete, dankte ebenfalls mit einem Neigen des Hauptes, das nicht würdevoller hätte sein können, wenn er ein Fürst gewesen wäre. „Meinen Vater können Sie auch malen,“ versicherte mich der kleine Bursche, dem es nicht in den Sinn wollte, daß ich kein pittoro sei. Man konnte sich allerdings kein besseres Modell wünschen, als diesen dunklen, kühnblickenden Männerkopf, der so frei und stolz auf der kräftigen Gestalt saß. In den Adern dieser Campagnolen-Familie floß das altrömische Blut jedenfalls unvermischter, wie in der hochmüthigen Aristokratie, die sich nachweislich mit fast all den fremden Völkerschaften gekreuzt hat, die erobernd Italiens Gefilde durchzogen.

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Carl Friedrich Moritz Müller, Weihnachtsabend (1848)

Noch einmal zurück zu Hermann Bang, der eingangs zitiert wurde – der dänische Schriftsteller wird gern mit Thomas Mann verglichen, ja Mann selbst nannte ihn einmal  „fern im Norden ein Bruder“. Und so soll von Bang noch ein letzter weihnachtlicher Schwenk zu Thomas Mann führen: Am Heiligen Abend 1918 schrieb er in seinem Tagebuch über seinen Ältesten, den zwölfjährigen Klaus, der in der Familie „Eissi“ gerufen wurde:

Nach Tisch sangen die vier im Salon Weihnachtslieder zu Erikas Begleitung. K[atia] schenkte mir noch Einzelaufnahmen von ihnen, worunter die Eissi’s in schwarzem Sammtanzug mit weißem Fallkragen besonders anmutig, Freue mich, einen so schönen Knaben zum Sohn zu haben.

Der „holde Knabe“ begegnet an diesem Abend also nicht nur „im lockigen Haar …“ – In diesem Sinn ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest allen Besuchern dieser Seite.

 

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