Im Spiegel

„Dort war ein lauterer Quell, mit silberhellem Gewässer, / Welchen nimmer ein Hirt, noch weidende Ziegen der Berghöh’n, / Angerührt, noch anderes Vieh; den nimmer ein Vogel / Oder ein Wild getrübt, noch ein abgefallener Baumzweig. / Ringsher grünete Gras, von der feuchtenden Welle genähret; / Rings verbot ein Gebüsch der wärmenden Sonne den Zugang. / Hier einst ruhte der Knabe, von Jagdlust müd‘ und Erhitzung, / Hingestreckt; ihn lockte der Quell und die Schöne der Gegend. / Während den Durst zu löschen er strebt, wächst anderer Durst nach. / Während er trinkt, von dem Bilde gesehener Reize bezaubert, / Lieber er nichtigen Trug; und Leib erscheint ihm der Schemen. / Selber staunt er sich an; unbewegt in einerlei Stellung / Haftet er, wie ein Gebild aus parischem Marmor gemeißelt. / Gierig schaut er, im Grase gelehnt, zwei Sterne, die Augen; / Schaut, wie wert des Lyäus, wie wert des Apollo das Haar sei, / Wie unmännlich die Wang‘, und wie schimmernd der Hals und die Anmut / Seines Gesichts, wie gesellt zur schneeigen Weiße die Röte; / Alles bewundert er selbst, was er selbst der Bewunderung darbeut. / Sich verlanget der Tor; und der Lobende ist der Gelobte …“

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Conda de Satriano, Narcissus (1893)

Narziss, der als sechzehnjähriger Junge, wie es Ovid beschreibt („Narcissus und Echo“), sein Spiegelbild im Wasser einer Quelle erblickt und von seiner eigenen Schönheit hingerissen ist, gilt als negativer Inbegriff des Selbstverliebten. Dabei ist das Wahrnehmen und Sich-Eingestehen der eigenen Schönheit auch ein wichtiger Schritt im Erwachsenwerden und Sich-Annehmen. Und der Spiegel ist ein wichtiges Instrument dabei.

Doch zunächst erscheint die Selbstbetrachtung im Spiegel – beim Knaben zumal – als Inbegriff der Torheit.

In Wilhelm Heinrich Riehls Erzählung mit dem bezeichnenden Titel „Der Fluch der Schönheit“ (1862) steigt das blendende Aussehen des jungen Amos Haselborn seinen Eltern zu Kopf; sie wollen ihn keinen kleinen Handwerker werden lassen, sondern ein geistliches Studium ermöglichen. Auch der Junge selbst gefällt sich in seiner Schönheit: „Amos war gerade acht Jahre alt, als der gräfliche Hofmaler den Auftrag erhielt, die vier Ecken der inneren Kirchenkuppel mit je zwei schwebenden Engeln al Fresco zu schmücken. Er wußte kein besseres Modell als den wunderschönen Schneidersknaben und malte ihn solchergestalt achtmal nackt und schwebend an die Kirchendecke. Mit leuchtendem Auge sah seitdem der Kleine allsonntäglich nach der Decke, wo er so lustig umherflatterte, und erzählte jedem Fremden mit Stolz, daß er schon einmal als Engel gesessen habe. Bei den Schulknaben hieß er von da an nur der Kirchenengel; er hörte aber diesen Spitznamen gern, und niemand war so fest wie er selber überzeugt, daß er im Grunde der schönste Mensch in der ganzen Welt sei.“

So konnte er sich sogar in der Kirche ständig selbst betrachten. Als er siebzehn ist, besucht der Schulrektor die Eltern, um mit ihnen über die Probleme, die das Aussehen des Jungen macht: „Alle Mädchen haben ein Auge auf den Jungen, und er hat zwei wenigstens auf alle schönen Mädchen. Weil kein Spiegel in der Schulstube hängt, beschaut er sich in den Fensterscheiben, und wenn er träumend über meinen Vortrag hinaushört, gleitet sein prüfender Blick vom Buche auf seine zierlichen Finger oder seine stattlichen Beine. Laßt euern Amos einen Maler werden – der alte Hofmaler treibt’s ohnedies nicht mehr lange; – zum Pfarrer ist er nicht geboren.“

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Bento Barbosa, Junge, der sich einen Dorn aus dem Fuß zieht (1897)

Die Eitelkeit zerstört die unbewusste Anmut, die Menschen an Kindern bezaubert. Sobald der junge Mensch sich seiner Schönheit selbst bewusst wird und sie einsetzt, verschwindet oft eben jener Liebreiz, wie es auch Heinrich von Kleist in seiner Schrift „Über das Marionettentheater“ (1810) von einem sechzehnjährigen Jungen beschreibt, der nach dem Bade im Spiegel bei sich eine anmutige Bewegung feststellt, in der er der berühmten Staue des „Dornausziehers“ gleicht, und sie wiederholen will, was aber nicht glückt:

„Von diesem Tage, gleichsam von diesem Augenblick an, ging eine unbegreifliche Veränderung mit dem jungen Menschen vor. Er fieng an, Tage lang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz um das freie Spiel seiner Gebährden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte.“

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Annie Louisa Robinson Swynnerton (1844–1933), Geoffrey and Christopher Herringham (Ausschnitt)

Gleichsam das Gegenstück dazu beschreibt Agnes Miegel in ihrer Erzählung „Klein-Jungchen“, in der sie auch eine Spiegelzene wunderbar eingefangen hat. Klein-Jungchen reitet auf dem Hof, wo gerade die Wäsche aufgehängt wird, mit seinem Steckenpferdchen umher, und irgendwann trabt dann das kleine Reiterchen zur Haustür und steht im Flur:

„Der schmale Birnbaumspiegel fängt Klein-Jungchens Bild im wassergrünen Glas auf: die zierliche Gestalt im blaukarierten Kittel und überm rotgesäumten Spielschürzchen das ernsthafte runde Gesicht, in dem der weiche Mund himbeerrot glüht, die braunen, klaren Augen und das Gewirr der langen, seidigen weißblonden Locken um die hohe Stirn, ums zierliche Ohr, ums blumenfeine Hälschen. Wie eine große Pusteblume steht das schimmernde Köpfchen in dem breiten Sonnenstreifen, der vom Hof in den Flur fällt.“

Das Kind zu jung, um mit sich selbst zu kokettieren.

Immer wieder wird in den Erzählungen das Betrachten des Spiegelbildes auch zur Sicht des Jungen auf sich selbst, auf sein ihm innewohnendes Wesen, das sich in der Schönheit ausdrückt: „Hingerissen und voll Bewunderung blickte Bastian dieses Bild an. Er konnte sich kaum satt sehen. Er wollte gerade fragen, wer dieser schöne junge Königssohn sei, als ihn wie ein Blitzstrahl die Erkenntnis durchzuckte, daß er es selber war. Es war sein eigenes Spiegelbild in Mondenkinds Goldaugen!“ (Michael Ende, Die unendliche Geschichte – 1979)

Im Spiegel mehr zu sehen, als zu sehen ist, deutet auch auf eine besondere Reife hin. Einen solch tiefsinnigen jungen Menschen beschreibt Hans Heinrich Ehrler in seinem Roman „Briefe vom Land“ (1911).

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Frank Brooks (1854–1937), Vernon Warner (Ausschnitt)

Der Knabe saß oft vor dem Spiegel und beschaute sich lang darin. Die Mutter verwies ihm das eitle Gebaren, und auch sonst mußte er Spott darum leiden. Er hatte ein sehr sanftes Gesicht, einen kleinen, schmalen Mund, eine fein geformte dünnwandige Nase, ganz blaue, große Augen, darüber eine hohe, weiße Stirn und einen ausladenden Kopf, den volles, weiches, braunes Haar deckte. Die weiße, von leichtem Wangenrot gehobene Haut war durchscheinend, daß man an den Schläfen das ganze Gezweig der Adern schimmern sah. Wir glaubten, er gefalle sich und wolle die ihn vor uns andern auszeichnende, zarte Schönheit immer wieder feststellen. Dazu paßte zwar nicht, daß er sonst, wenn er sich keiner solchen Selbstbetrachtung hingab, auch keine Spur gezierten Wesens zeigte, sondern lieber unter den andern verschwand, als sich zur Schau trug.

Eines Tags rief er mich zu sich an den Spiegel, hieß mich hineinsehen und fragte mich: „Was siehst du darin?“ „Ha, mich selber,“ lachte ich. „Sag genau, was?“ „Mein Gesicht, meinen Hals, meinen Kragen, meinen Schlips, meine Jacke.“ „Sonst siehst du nichts an dir?“ „ Nein, sonst nichts.“ Er war enttäuscht und rückte sich wieder vor das Glas: „Du, ich sehe darin mehr als mein Gesicht.“ „Ich weiß nicht recht,“ erläuterte er zögernd, „aber ich sehe beinahe, was hinter dem Gesicht und hinter meinen Augen sitzt. Es ist etwas, das in mir drinnen erst sein wird, nachher, morgen, und übermorgen, und später vielleicht.“ „Sieh,“ führte er seine Eröffnung weiter, „es ist fast so, als sitze ich wirklich in dem Spiegel drinnen und müsse von dorther fragen, wer da außen sitzt?“

Ich begriff die sonderbare Rede damals nicht, aber ich spottete auch nicht mehr, wenn ich den Knaben vor dem Spiegel sitzen sah.

SELF PORTRAIT by Sir Thomas Lawrence PRA (1769-1830), at The Vyne. He was so precocious that at the age of ten he was in practice as a portrait draughtsman.

Thomas Lawrence (1767-1830), Self Portrait (1780)

Und auch bei manchen jungen Künstlern ist bisweilen schon diese Reife spürbar, wie bei Albrecht Dürers Selbstbildnis, das er im Alter von dreizehn Jahren „aus eim Spiegel … kunterfeit“ hatte (siehe Beitrag „Das junge Genie“). „Es gibt in der ganzen Geschichte nicht ein ähnliches Dokument, das in diesem Knabenalter bereits schon den ganzen Mann ahnen läßt. Es ist das prophetische Gemüt des Genies, das die Frage nach dem Ich hier an den Spiegel richte“ (Willi Kurth, Albrecht Dürer, München 1927). Auch Thomas Lawrence ließ schon in frühen Jahren seine Fähigkeit erkennen; der große Maler Joshua Reynolds sprach von dem Jungen als “the most promising genius he had ever met with.“ Dürers Selbstbildnis wirkt reifer, doch Lawrence war bei seinem auch erst elf- oder zwölfjährig …

 

 

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