In der Schule

Joseph

Friedrich von Amerling, Sein Bruder Joseph (um 1830)

„Am Anfang der dritten Klasse, also kurz nach den Osterferien (denn damals wurde nach Ostern eingeschult), wurde ein neuer Schüler vorgestellt. ‚Er heißt Josef‘, sagte der Lehrer, ‚und hat vorher irgendwo anders gewohnt und ist in eine andere Schule gegangen.‘ Josef war ein zartes Kind mit einem wunderschönen, mädchenhaften Gesicht und goldenen Locken. Ich war gleich in ihn verliebt. Damals hätte ich das aber noch nicht verliebt genannt.“ (Josef Schwalbach, Mord am Lavenstein – 2011)

Der Schulbeginn ist ein Einschnitt im Leben  – ob nach Ostern, wie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, oder nach den Sommerferien. Und schneller als gedacht können da ganz neue, aufregende Gefühle entstehen: „Zur stillen Freude seiner Eltern entwickelte Josha sich altersgerecht und zeigte keine Anzeichen einer besonderen Begabung. Bezogen auf ihn gab es jedoch ein anderes Problem: Josha war ein bildschönes Kind. Seine Locken waren blond, hellblond, seine Augen strahlend blau, und seine Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt. Franziska hätte es vor Joshas Geburt niemals für möglich gehalten, dass Schönheit problematisch sein konnte. Aber sie war es. Denn egal, wo Josha sich aufhielt: Er wurde angestarrt. […] Fast alle Mädchen in der Klasse 1a der Gutenberg-Grundschule schwärmten für Josha – und von Zeit zu Zeit fand Franziska Zettel in seinem Schulranzen, auf denen in ungelenker Handschrift ‚Isch liebä dich‘ stand.“ (Kerstin Gier, Die Mütter-Mafia – 2011)

Ein schöner Junge kann aber auch ebenso rasch zum Außenseiter werden, wie es Ralph Giordano in seinem biographisch gefärbten Roman „Die Bertinis“ am Beispiel der beiden Schulanfänger Roman und Cesar  erzählt, die ob ihrer langen Haare und ihres mädchenzarten Aussehens den Spott ihrer kurzgeschorenen proletarischen Mitschüler mit Entsetzen ertragen müssen. Ähnlich ergeht es dem jungen Kain Fausch, dessen „überirdische Schönheit“ so gar nicht zu seinem Namen passte – so wie er nicht zu den anderen Schülern: „Die Katharina brachte ihn nach dem Dorfe, als er den ersten Schulgang tat. Aber schon am nächsten Tage bedurfte er ihrer nicht mehr und war in Waltheim bald heimisch. Weil er in seinem Äußern anders, gleichsam vornehmer war als sie und das Haar in langen Locken trug, staunten ihn anfangs die Dorfkinder verwundert an; aber da er ein aufgeweckter Bursche war, fand er bald seine Gespielen unter ihnen, und sie gewöhnten sich an ihn, wie er sich an sie gewöhnte. […] Kain Fausch, der Knabe, wurde einsam, als er heranwuchs. Seine Gespielen entfremdeten sich ihm. Er war zu wenig wie alle andern und so schlossen sich die andern nicht fest an ihn, und dann hatte er den Namen, der immer den Spott weckte.“ (Ernst Zahn, Stephan der Schmied – 1909)

WerdenSchadenhat

Friedrich Eduard Meyerheim, Wer den Schaden hat … (1861 – Ausschnitt)

Und jeder Neubeginn nach den Ferien war aufregend: Welche Lehrer würde man bekommen? Gibt es „Neue“ in der Klasse? War mancher vom letzten Jahr vielleicht nicht mehr da?

FerdinandvonRaisky

Louis Ferdinand von Raisky, Porträt des Hans Haubold Graf von Einsiedel, 1855

Hans Schwarz, Schüler an einem Elite-Gymnasium in Stuttgart, langweilt sich im Latein-Unterricht des Lehreres Zimmermann, als es an die Tür klopft und der Direktor der Anstalt das Klassenzimmer betritt. „Aber niemand achtete weiter auf den netten kleinen Mann, aller Augen hefteten sich auf den Fremden, der ihm folgte, wie Phaidon dem Sokrates gefolgt sein mag.“ Ein neuer Schüler, der sich in Aussehn und Art so sehr von den Jungen der Klasse abhob, dass sie wie gefangen von ihm erschienen. Und dazu der Name, als er sich vorstellt: „Graf von Hohenfels, Konradin, geboren am 19. Januar 1916, Burg Hohenfels.“ Hans nimmt sich sofort vor, Freund dieses außergewöhnlichen Jungen zu werden – und es wird eine außergewöhnliche Freundschaft. (Fred Uhlmann, Der wiedergefundene Freund – 1997)

Gespannt sind bei diesem Einschnitt wohl nicht nur die Schüler; auch einem Lehrer kann es passieren, dass ihm ein Schüler besonders ins Auge fällt, wie es in Emil Hadinas Erzählung „Kinder der Sehnsucht“ (1917) beschrieben wird:

GerritSchimmelpenninck

Pierre Prud’hon (1802), Gerrrit Schimmelpenninck (1794–1863)

„Während einer Gedichterklärung, mit der er die erste Stunde beschloß, sah Baumann vor allem zwei ungewöhnlich blaue Augen, über denen sich leicht und wellig das blonde Haar in die Stirn lockte, groß und lauschend sich zugewandt. Er stellte an den Knaben, der in der robusten Klasse schon durch die schmale Linie des edelgeformten Kopfes auffallen mußte, einige Fragen, und bekam kluge, stillüberdachte Antworten, denen eine etwas klagend verschleierte Stimme den wehen Reiz gab, der oft in den Worten frühwissender, frühaufgeklärter Kinder bebt. Ein Blick auf den Bankspiegel sagte den Namen: Erich Schwarzmann. – Und er hatte den Knaben von der ersten Stunde an lieb.“

Die eingangs genannte Verliebtheit wird häufig in der Literatur beschrieben. Immer wieder begegnen in Erinnerungen an die Schulzeit jene hübschen Klassenkameraden, um die man sich – vielleicht heimlich – bemüht hatte, wie es auch Sten Nadolny in seinem Roman „Weitlings Sommerfrische“ (2012) beschreibt: „Als Erster gibt Rainer ab, einer der Besten in Latein. Er tut gar nicht erst so, als müsse er alles noch einmal überprüfen. Dieser zierliche und schwarzhaarige Mensch war mit zehn oder elf so hübsch, dass ich mich in ihn verliebte und ihm lateinische Briefe schrieb. In ihnen war aber nicht von Liebe die Rede, alle erotischen Vorstellungen lagen mir fern. Ich stellte mir allenfalls vor, dass ich ihn aus einem brennenden Haus rettete und dann seinen Dank abwehrte. Er merkte von meinen Gefühlen nichts, schon weil kein Haus, in dem er sich je befand, brennen wollte, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart.“ 

Eton

George Goodwin Kilburn, Eton Schoolboy (1866)

„Auf der Schulbank in Eton College war Overbury einst von einer geradezu krankhaften Schwärmerei und Liebe zu einem Mitschüler namens Robert Car erfaßt worden. Der Bildhauerin Natur war freilich selten ein so schönes Kunstwerk wie dieser Knabe geglückt. Overbury dichtete ihn an, und in mancher Nacht träumte er vom Freund, wie wenn es ein Mädchen wäre. Unzertrennlich wurden sie.(Eduard Stucken, Im Schatten Shakespeares – 1929)

Nie wieder im Leben habe ich das beseligende Gefühl hingebender Freundschaft so kennen gelernt. Er war ein schöner, starker, blonder Junge mit lachenden Augen. Hatte ich ihn einmal einen Tag lang nicht gesehen, so war ich unglücklich; doch da er mit mir in derselben Klasse war, so kam das selten vor. Auch trafen wir uns beim Baden, wo er denn wieder in seiner jungen Knabenschönheit alle anderen überstrahlte. Es war mehr als Freundschaft, es war Liebe, die mich seine Nähe beglückend empfinden ließ. (Gustav Falke, Die Stadt mit den goldenen Türmen – 1912)

Während der Unterricht auf den höheren Schulen meist nach Geschlechtern getrennt war und sich von daher intensive Freundschaften unter den Jungen oft von selbst ergaben, unterrichtete man früher in den  Elementarschulen Buben und Mädchen gemeinsam. Aus mancher Schulfreundschaft ist später sogar eine lebenslange Ehe geworden  – leider zerbrach die Freundschaft aber auch manchmal schneller, als gedacht, wie in der kleinen Erzählung von Rudolf Geck, in der dieser nur ein Jahr beschieden war:

Schoolmasters

James Sant, The Schoolmaster’s daughter (ca. 1870)

„Ich kann sagen, daß meine erste Liebe meine süßeste war, daß heute noch eine sanfte Musik aus dem Morgen meines Lebens zu mir weht. Und war doch nur die Liebe zu einem Knaben. – Junge oder Bub sagte man damals, vor fünfzig Jahren, noch nicht, man sagte Knabe, und die Schulklasse, in der ich saß, hieß ja auch ‚Knaben- und Mädchenklasse‘.

Von meinem Knaben, dem ersten in der Bank, war ich, die erste auf der Mädchenseite, nur durch einen schmalen Gang getrennt. Über ein Jahr, ein wunderschönes langes Jahr, saßen wir so beieinander, artig, fleißig und, nachdem wir gut miteinander bekannt geworden, von den Wellen erster Liebe erfüllt.

Vom Äußeren meines Knaben habe ich nicht viel zu berichten. Schlank und blond war er, hatte gute blaue Augen, eine helle Stimme. Viel Güte war ihm eigen, wie seine stete Hilfsbereitschaft erwies, dazu eine Weiche des Wesens, die auch bei geringen Anlässen seine Augen mit Tränen füllte. Da er daheim wenig Pflege fand, sah er manchmal etwas verwahrlost aus, und ich spürte es dann in den Händen kribbeln, ihn ordentlich herzurichten …“ (Rudolf Geck, Der Knabe – 1936) – Bevor das nächste Schuljahr die beiden trennte (der Junge sollte in eine Pension gebracht werden), nahm ihn der Tod ihr plötzlich weg.

 

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