Mädchen und Knaben

„Bürger auf Abwegen“ hieß eine Ausstellung zu Thomas Mann und Theodor Storm, die 2015/16 in Lübeck und Husum gezeigt wurde. Unter anderem ging es in ihr auch um die unkonventionellen Beziehungen, die beide mehr oder weniger offen pflegten. Thomas Manns Schwäche für junge Männer und schöne Knaben tritt hinlänglich auch in seinen literarischen Werken zu Tage (was dann in der Literatur als homosexuell bezeichnet wird), bei Theodor Storm war es die Hingezogenheit zu jüngeren Mädchen (als pädophil gewertet). Vor 200 Jahren, am 14. September 1817 wurde Storm in Husum geboren. Von ihm stammen zahlreiche Gedichte, Erzählungen und Novellen – er hat keinen Roman geschrieben –, in denen aber auch immer wieder schöne Knaben begegnen.

So beispielsweise in der Erzählung „John Riew’“ die von einem Mädchen handelt, das vom Titelhelden und Kapitän John Riew’ schon früh zur Alkoholikerin gemacht wird. Sie bekommt von einem Mann ein Kind, einen Jungen, sucht aber dann den Freitod und ertränkt sich in einem Hamburger Kanal, wo einst schon ihre Vater im Rausch ertrunken war. Der Junge wird von seiner Großmutter und unter Mithilfe des reuigen Kapitäns  aufgezogen.

Philipp Rumpf, Knabenbildnis (1880)

Gleich zu Beginn fällt dem Erzähler in einem Garten ein Junge auf, „ein blasses und – so erschien es mir – wunderbar schönes Knabenantlitz mit dunkelgelocktem Haupthaar“. Die Suche nach der Herkunft und Bedeutung des etwa zwölfjährigen „schönen wilden Knaben“ führt in das Thema der Erzählung.

„Es war schon in den letzten Tagen des Oktober, als ich eines Nachmittags wieder an dem Rieweschen Garten entlangging, wo der Zaun jetzt freie Durchsicht ließ; auch war dort heute wirklich was zu sehen, denn oben im Geäst eines großen Birnbaums hing der hübsche Knabe und langte mit ausgestrecktem Leibe nach ein paar goldgelben Birnen, die noch an einem fast blätterlosen Zweige hingen. Unter ihm am Stamm sah ich einen untersetzten Mann, der mir seinen breiten Rücken zuwandte; nur seinen weißen, seitwärts abstehenden Backenbart konnte ich außerdem gewahren.“ – Und da kommt es ihm: Der Alte ist niemand anders als John Riew’, ein Bekannter aus der Jugendzeit.

Adolph von Menzel, Bernhard Kugler

Vielleicht hatte Theodor Storm einen besonderen Blick für die kindliche Schönheit, ob Mädchen oder Junge – auch auf Bildern. In seinen Novellen „Im Schloss“ und „Aquis submersus“ geht es auch jeweils um das Bildnis eines Knaben (siehe dazu auch den Beitrag „Bild-schön“).

Bei einem Besuch des von ihm sehr verehrten Dichters Eduard Mörike im Jahr 1855 bekam er auch ein Jugendbild von ihm zu Gesicht: „ Nach einem Gemälde von Orplid, das nach Bauers Angabe in Mörikes Besitz sein sollte, erkundigte ich mich vergebens; es schien nicht mehr vorhanden. Dagegen sah ich eine Zeichnung, welche den Dichter in seiner früheren Jugend als einen besonders schönen Knaben zeigte.“

In der Erzählung „Die Chronik von Grieshuus“ ist es der elfjährige Rolf mit seinem geringelten Goldhaar, der nicht nur seinem Lehrer, Magister Bokenfeld, ins Auge fällt, sondern auch einem kleinen Mädchen. Einmal hatten Rolf und sein Magister sonntags nach dem Gottesdienst in einem alten Geschichtsbuch von König Enzio gelesen, was den Knaben sichtlich bewegte. Danach gingen sie in das Speisezimmer, wo auch der Vater Rolfs, ein Oberst, sich mit den beiden unterhielt. Er merkte aber, dass sein Sohn anderen Gedanken nachhing:

Vitus Reisacher, Bildnis einen blonden Knaben (1906)

Der Oberst hatte ihn schon lang betrachtet; nun streckte er die Hand aus und schüttelte den Knaben: »Was sinnest du, Rolf?« […] Und nun ließ es ihm nicht Ruhe mehr; seine Augen glänzten, und er erzählte alles, was er wußte, von dem König Enzio mit den goldnen Ringelhaaren; er schien es nicht zu fühlen, wie die schon kraftvolle Februariussonne in seinem eignen Goldgelocke glühte! Während seines Redens war der Wildmeister, der etwas zu melden haben mochte, in das Gemach getreten und, seiner Zeit gewärtig, an der Tür gestanden. Aber schon vorher hatte sich was wohl um solche Zeit geduldet wurde, ein Schwesterenkelkind der alten Matten, ein braunes, zehnjähriges Dirnlein, in ihrem Sonntagsstaat hereingeschlichen. Wie mit Aug und Ohren horchend, war sie zu Anfang stillgestanden, dann aber, ein Fingerlein an den Lippen, immer näher zu dem jungen Herrn hingeschlichen. Als aber dieser seine Rede kaum geschlossen hatte, wies sie mit ausgestreckter Hand auf einen Spiegel gegenüber, woraus des Knaben Bildnis mit seinem Goldgeringel widerschien. […] Da streckete die Dirne sich zu ihm auf: »König Enzio!« rief sie laut und rannte mit purpurrotem Angesicht zur Tür hinaus.

Eastman Johnson, Porträt eines Knaben mit Stock und Reifen (1857)

Ähnlich wie Thomas Mann zu seinem Sohn Klaus hatte Theodor Storm zu Hans, seinem Lieblingssohn, der 1848 geboren wurde, eine liebevolle, später immer problematischer werdende  Beziehung. Über ihn hatte er detailliert berichtet. In einem Brief von 1853 zeichnet er geradezu ein Idealkind, in dem er sich selbst gespiegelt sieht: „Hans ist ein Knabe von wirklich idealer Schönheit; groß, schlank, mit den zartesten Zügen; und seine Augen, wenn die Seele in sie tritt — sonst ruhen sie wohl, — sind nicht bloß, was man gewöhnlich schöne Augen nennt; nein, es sind wunderbare Augen, in denen die Geister aus der Tiefe steigen. Und so ist sein Gemüth und seine Phantasie. Ich fürchte, das ist ein Poet; er haßt alles trockne Lernen, aber er schaut begierig um sich in der Natur, und nimmt Theil an dem Leben der Pflanzen und Thiere; wenn er einen Gedanken von Andern erhalten, so producirt er daraus hundert eigne; er geht in die Höhe und in die Tiefe, nicht in die Breite. Das aber thut der andre; Ernst ist ein kräftiger, körperlich und geistig.“

Ferdinand Georg Waldmüller, Die Familie Dr. Eltz (Ausschnitt)

Manches in der Beziehung zu seinen Söhnen, vor allem zu Hans, spiegelt sich auch in seinen späteren Novellen wider, in „Hans und Heinz Kirch“ etwa: Der Vater (Hans) hat für den Weg seines Sohnes (Heinz) kein Verständnis, die beiden entfremden sich immer mehr. Die Schriftstellerin Ingrid Bachér  hat dies unlängst in ihrem Buch mit dem wundervollen Titel „Theodor Storm fährt nach Würzburg und erreicht seinen Sohn nicht, obwohl er mit ihm spricht“ verarbeitet. – Vielleicht erging es ihm selbst auch manchmal, wie er es in der Novelle „Carsten Curator“ (1868) beschrieb: „Den von der Toten nachgelassenen Knaben, der sich bald als der körperliche und allmählich auch als der geistige Erbe seiner schönen Mutter herausstellte, erzog er mit einer seinem Herzen abgekämpften Strenge; dem gutmütigen, aber leicht verführbaren Liebling wurde keine verdiente Züchtigung erspart; nur wenn die schönen Kinderaugen, wie es in solchen Fällen stets geschah, mit einer Art ratlosen Entsetzens zu ihm aufblickten, mußte der Vater sich Gewalt tun, um nicht den Knaben gleich wieder mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in seine Arme zu schließen.“

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