Mit fraulichem Blick

„Ich nehme für alle Frauen das Recht in Anspruch, an der flüchtigen Schönheit des Knaben Gefallen zu finden.“ So schreibt die bekannte Publizistin und Feminstin Germaine Greer in ihrem Buch „The beautiful boy“ / „Der Knabe“ (2003): Sie ist nicht die einzige, die an ihm Gefallen findet – und nicht die erste, die das zum Ausdruck bringt. Es sind, wie schon etliche Namen auf diesem Blog zeigen, auffallend viele Schriftstellerinnen, die immer wieder in ihren Werken die Knabenschönheit beschrieben haben und beschreiben. Die Bezüge sind vielfacher Art – von der Liebe der Mütter über die Sehnsucht nach der Nähe eines hübschen Klassenkameraden reichen sie bis zum Verlangen nach der Männlichkeit, die sich in einem Heranwachsenden regt. Lassen wir also einige Frauen zu Wort kommen.

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An Cäcilia. Ich muß Dir meine kleine Kinderschar portraitiren, welche soeben nach genossenem Abendbrote auf den weichen Federkissen sich zur Ruhe begeben hat. Ach, wenn ich nur ein recht gutes Portrait – ich meine ein gemaltes – von meinem Henrik erhalten könnte, meinem Erstgeborenen, meinem Sommerkinde, wie ich ihn auch nenne, denn er ward an einem Mittsommertage geboren, in meines Lebens und meines Glückes Sommerstunde. Aber nur eines Correggio Pinsel könnte diese schönen, warmen, blauen Augen, diese goldenen Locken, diesen lieblichen Mund, dieses ganze so vollkommen reine und schöne Antlitz wiedergeben. Güte und Frohsinn leuchten aus seinem ganzen Wesen hervor, wenn seine Lebenslust auch mit weniger Anmuth in Armen und Beinen zuckt, die sich selten still halten. Mein elfjähriger Knabe ist leider sehr – sein Vater sagt: gar zu sehr – unbändig. Aber ungeachtet dieser Wildheit besitzt er eine tiefe und unruhige Empfindlichkeit, welche mich oft für seine Zukunft fürchten läßt. Gott behüte meinen Liebling, mein Sommerkind, meinen einzigen Sohn! O, wie ich ihn lieb habe! Ernst warnt mich oft vor einer parteiischen Liebe zu diesem Kinde. (Frederike Bremer, Skizzen aus dem Alltagsleben – 1842)

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Sabine Lepsius, Stefan Lepius (1897–1917)

Paul Lasker-Schüler (1899–1927), Sohn der bekannten Schriftstellerin,  war ein talentierter Zeichner, er starb jedoch schon früh mit gerade 28 Jahren. Seine Mutter zog ihn alleine auf und war auch um ihn – nicht zuletzt seiner Schönheit wegen – sehr besorgt:

Mein Sohn war schön. Ich sage nichts Neues oder Unbekanntes mit dieser Wahrheit. Er war so schön, daß ich mich öfters bemühte, ihm schon als Kind – meinem Päulchen – Anzüge oder Hüte zu kaufen, die seine Schönheit dämpften. Das geschah alles aus Vorsicht oder aus Angst, er könne mir eines Tages geraubt werden. (Else-Lasker-Schüler, Mein Junge. Gedanken einer Mutter – 1929)

Die Schriftstellerin, Heimatdichterin und Ehefrau des Simpicissimus-Herausgebers Olaf Gulbransson „verguckte“ sich bei der Bewirtung von Kindern bei einem Schulausflug in einen Bauernbuben, der sie durch seine freie und frische Art faszinierte: 

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Frieda Menshausen-Labriola, Bildnis eines Knaben in Lederhosen (1898)

Ein Bub von etwa 14 Jahren überragt die andern derart an Schönheit und Originalität, dass ich schliesslich kein Aug mehr von ihm lassen kann. Ein Bauernbub in langen, engen Hosen, aus denen am Knöchel grobe Socken und riesige grobe Schuhe ragen. Eine enge Joppe und einen grossen, seltsamen Filzhut mit rund heruntergebogenem Rand auf den ziemlich langen blonden Haaren. Ein schmales, edles, lustiges, intelligentes Gesicht von einer Race und Schönheit, wie ich’s noch selten gesehn hab. Breite Schultern, schmale Hüften. Den Kopf frei erhoben. Grosse, degagierte Bewegungen. Ha! Da sieht man, was doch die Schönheit und Harmonie für etwas Köstliches ist! Ja, da kann man weit in aller Herren Länder suchen, bis man wieder ein Menschenkind von dieser Harmonie und Schönheit findet. Es hat selbst keine Ahnung davon, seine Eltern wohl auch nicht. Oh könnt‘ ich malen! Ich frag ihn, wie er heisst. Anton Meyer. Auf 397 hab‘ ich versucht, ihn zu zeichnen, aber ich kann es ja nicht. (Grete Gulbransson, Tagebücher. Geliebtes Liechtenstein 1927–1929)

In ihrer Erzählung „Der Bildhauer“ (1909) beschreibt Marie von Ebner-Eschenbach einen römischen Künstler, der eine Skulptur anfertigt, auf der auch sein kleiner achtjähriger Sohn mit abgebildet ist (siehe auch Beitrag: Väter und ihre [schönen] Söhne):

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Antonio de la Gandara (1861–1917), Jean-Pierre Dubost

Bei meinem nächsten Besuch lernte ich endlich seinen kleinen Sohn kennen. Gefährliche Bekanntschaft für eine Kinderfreundin! Der konnte mich in Versuchung bringen, das Forum und den Palatin und meine Abgötter aus Leinwand und Farben, aus Marmor und aus Erz da liegen und stehen zu lassen, wo sie lagen und standen, und mit ihm Ball zu spielen, einen Kreisel tanzen zu lassen oder zuzusehen, wenn er, wie jetzt, mit seinem festen, braunen Händchen große, kühne Buchstaben in sein Schreibheft malte. Du lieber Junge! Alles Gute, das sein Vater von ihm gesagt hatte, bestätigte mir mein erster Blick in diese glanzvollen, vertrauensseligen Augen. Aus ihrem Dunkel brach das hellste Lebensmorgenlicht hervor, bezaubernd, ein konzentrierter Frühling. Frühlingshaft auch war der unschuldige Frohsinn, der aus ihnen strahlte, und vielleicht das Schönste an diesem schönen Kindergesicht der Mund mit den zarten, vollen Lippen von der Farbe einer eben aufgesprossten Granatblüte.

Und natürlich richtet auch der Blick der Mädchen auf den schönen Klassenkameraden:

Esther … lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht auch that. Hätte ihr junger Spielgefährte angefangen, Seil zu tanzen oder Schuhe zu nähen, Esther wäre ohne Zögern auch mit auf das Seil gestiegen, oder hätte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel that es ja. Wenn sie früh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinüber nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwährend nach dem Gartensteg, woher Bertel ja nun kommen mußte. Der Tag bestand für sie eigentlich nur aus zwei Hälften: der, wo sie mit Bertel, und der, wo sie ohne ihn war. Die letzte Hälfte suchte sie immer möglichst abzukürzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages, die Zeit mit Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele zustrebte mit allem Denken und Fühlen. Und wie Esther, so ging es ihrem kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genuß ohne seine junge Gespielin, und am liebsten wäre er oft den ganzen Tag auf dem Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.

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James Sant, The schoolmasters daughter (1870)

Man konnte nicht schöner und liebenswürdiger sein, als es der schlanke Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und für Esther aber war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schönen, Guten und Ausgezeichneten. Das dunkeläugige und tief brünette Mädchen bildete einen ganz eigenthümlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines, mädchenhaft zartes Gesicht von einer Fülle dichter blonder Locken umgeben wurde. (Clementine [Helm] Beyrich, Esther Wieburg (1923)

1904 W.Andresen (Junge auf Mauer, ca. 100x150 cm)

W. Andresen (C. W. Allers), Junge auf Mauer (1904)

Die Autorin Thea Sternheim (1883–1971), die nicht nur selbst immer wieder die Begegnung mit hübschen Knaben in ihren Tagebüchern notiert („Im Cafe neben mir  … drei Engländer: Vater und Mutter; zwischen ihnen ein blonder etwa elfjähriger Knabe. Die Mutter die merkt wie mich die die Schönheit des Sohnes fasziniert, lächelt mich an.“), sie stellt auch deren Wirkung auf noch junge Mädchen fest – darunter ihre Töchter: „Kummervoll bemerke ich die Veränderung, die mit Agnes und Moiby vor sich geht: In beiden – Agnes ist neun, Moiby sieben Jahre geworden – erwacht in diesem tropischen Sommer, der die Heide hinter dem Haus entflammen läßt, zum erstenmal der Geschlechtstrieb; beide verlieben sich in Tschudis elfjährigen Sohn Gilg, ein auffallend schöner Knabe, der sich mit wohlwollendem Narzißmus anbeten läßt.“ (Thea Sternheim, Erinnerungen – 1952/95)

 

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