Mit hellen Stimmen

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Frans Hals, Singender Knabe mit Flöte (um 1625)

Die dunklen Tage im Winter zwischen dem Martinstag im November und dem Dreikönigsfest im Januar sind die Zeit der hellen Stimmen: Da gibt es Heischegänge mit ihren Liedern, die Choräle der Advents- und Weihnachtsgottesdienste, das Neujahrs-Ansingen und Kurrende-Gesänge an Dreikönig – die Vielfalt der Anlässe mit ihren Gesängen und der Musiken überhaupt ist groß. In dieser musikalisch reichen Zeit spielt der Roman „Ein Kerl, Lompin genannt“ von Waldtraut Lewin (1989). Seine Hauptperson ist der Komponist, Musiktheoretiker und Schriftsteller Daniel Speer, der im 17. Jahrhundert wirkte und 1707 in Göppingen starb. Dort, in der Stauferstadt, sehen wir ihn um die Jahreswende 1688/89 als Provisor (Lehrer an der Lateinschule) und Kantor an der Stadtkirche.

Der schon verwitwete, aber noch nicht so alte Speer wohnt in einem kleinen Häuschen und wird von Amaryllis Sofronia Kertzsch, der Tochter seiner Nachbarin, ein wenig versorgt und vor allem umsorgt, da sie ihre schönen Augen auf ihn geworfen hat. Marille, wie er sie nennt, hat noch zwei jüngere Brüder, die dem Herrn Magister und Organisten gelegentlich zur Hand gehen, als Calcanten zumeist, d. h. Blasebalgtreter. Als unternehmungslustig beschreibt Lewin diese beiden, immer auf dem Sprung und ewig neugierig wie zwei junge Welpen. Gottfried Jeremias, der Ältere der beiden, Friedel genannt, wird bald dreizehn und steht kurz davor, eine Lehre antreten zu müssen.

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Trophîme Bigot (1597–1650), Knabe mit einer Fledermaus

Der jüngere, Johann Melchior, von Speer Melchi gerufen, ist der Aufgewecktere, Keckere von beiden und dazu mit seinen braunen Augen und dem lockigen Haar auch ein Gleichbild seiner schönen Schwester mit ihren „Weihnachtskerzenaugen“. Am Martinsabend begleitet Melchi den Musicus zum Orgeldienst. Speer geht einen scharfen Schritt, „und der Junge, immer neben ihm hertrabend wie ein junger Hund, hält erwartungsgemäß nicht eine Sekunde den Mund und versorgt ihn mit dem Neuesten aus der Perspektive der Klippschule“. Immerzu hüpfend, trabend, springend, gelegentlich Speer am Rock zupfend, hält sich der kleine Fürwitz an des Magisters Seite, ihm dazu noch stets sein hübsches „geschwisterliches Marille-Frätzchen“ präsentierend.

 

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Abraham Bloemaert (1564–1651), Zwei singende Knaben

Hin und wieder nimmt er die beiden Brüder auch zu Fahrten auf einem Fuhrwerk mit; so, als er an einem Sonntag im Advent den Friedel nach Schorndorf zur Vorstellung bei seinem Lehrherrn bringen soll. Lompin, wie Speer in seiner früheren Zeiten als Heerpauker in Südosteuropa genannt wurde, „summt vor sich hin, was ihm grad in den Sinn kommt, Ungarisch, Türkisch, Weihnachtslieder, Choräle, und nach gar nicht langer Zeit stimmt erst zaghaft Johann Melchior ein bei dem, was er kennt, dann, mit überraschend kräftigem Soprano, auch Gottfried Jeremias. […] So ziehen sie singend ihres Weges, und er kann sich gar nicht genugtun, mit den beiden hellen Knabenstimmen als Sekundanten, immer noch eins und noch eins zu musizieren. Und die Bauern in Zwillichkittel und Pelzkappe, die des Weges kommen …, bleiben stehn und staunen und grüßen, verwundert, wie man in solchen Zeiten singen kann, und sie freuen sich über immer zierlichere Canons und Fiorituren, indes es Frühling zu sein scheint und die Bengel bald nach seinem Vorbild die Jacken öffnen und die Kopfbedeckungen wegtun.“

Ja, die Zeiten sind schwer, denn die Soldaten der französischen Rheinarmee streifen marodierend durch das Land, brennen Städte nieder, verwüsten ganze Landstriche und bedrohen die Menschen an Leib und Leben.

Und wie sie gekommen sind, so fahren die drei auch wieder zurück „mit Gesinge und Gesumme, die beiden Knaben haben sich an ihn geschmiegt rechts und links wie zutrauliche Tierchen“ – dem Magister macht das alles ein rechtes Vergnügen und die beiden wiederum sind begeistert von ihrem „Musje Speer“.

Kurz vor Weihnachten holt der seine neu angeschaffte Trompete heraus, bläst probehalber in seinen eigenen vier Wänden und gibt der staunenden Nachbarschaft damit einen kleinen Vorgeschmack auf das, was sie beim Festgottesdienst in diesem Jahr erwartet. „War nicht anders zu erwarten, als dass so wunderschöner Lärm etliche heranzieht. Zunächst die beiden Kertzsch-Welpen, die ihre Köpfe neugierig zur Tür hineinstecken und sich gar nicht halten können vor Begeisterung. Wie der ohnehin schon so verehrte Herr Magister so gar anmutig bläst – inzwischen würden sie sich auch nicht darüber wundern, tät er Feuer speien, Eier legen und über Dächer fliegen.“

Candlelight

Sog. „Candlelight Master“, Young Boy Singing, 1620-40

Und noch einen Jungen hat er gern um sich, Jacob Philander, das Jacöble, ein Waisenkind, das bei seiner Grandmère, einer reichen Witwe, lebt und auf die Lateinschule geht. Er besitzt eine wunderschöne Altstimme und darf gelegentlich als Solist bei Speers Musiquen singen. So lässt er auch am noch sternklaren Weihnachtsmorgen mit einem wahren Engelsstimmchen das „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ vom Rathaus auf die Stadt herniederschweben.

Nach Weihnachten nimmt Speer ihn einmal mit sich nach Hause, damit er ihm hilft, Noten zu sortieren. „Später schauen die Kertzsch-Buben herein, sehn verlegen und eifersüchtig auf den Lateinschüler, aber werden erbarmungslos gleich mit angestellt. […] Irgendwann fängt Gottfried Jeremias an zu singen. Jacob zuckt zuerst erschrocken, dann bringt er die zweite Stimme zögernd dazu. Schließlich singen alle vier a capella, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Und wenn sie ins Rutschen kommen, springt der Herr Magister kurz ans Cembalo und gibt den helfenden Akkord ein, und sie lachen.“

FransHals

Frans Hals, Knabenkopf (um 1640)

Am Dreikönigstag bereiten die Buben ihm nochmals eine große Freude, als sie frühmorgens vor dem Haus stehen und für ihn singen. Aber die Freude wird bald getrübt: Speer wird wegen zweier von ihm verfasster Flugschriften wider die Franzosen, die im Zuge des sog. Pfälzer Erbfolgekrieges das Land besetzen, verhaftet und muss eine Kerkerhaft auf dem Hohen Neuffen antreten. Jacob Philander, das Jacöble, fällt ihm um den Hals und beteuert, dass die Knaben der Lateinschule auf den Knien für ihn bitten werden beim Administrator.

So endet vorerst Daniel Speers Göppinger Aufenthalt. Zwar kommt er tatsächlich auf Bitten der Bevölkerung später wieder frei, wird aber nach Waiblingen strafversetzt und kehrt erst 1694 nach Göppingen zurück.

Die Buben spielen freilich nur eine kleine Rolle in Waldtraut Lewins Roman, in dem sie Daniel Speers Göppinger Zeit eingefangen hat – aber nicht nur diese: Sie hat in diesem Buch auch auf äußerst kunstvolle und gekonnte Weise Elemente aus seinem (autobiographisch gefärbten) Schelmenroman „Ungarischer oder dacianischer Simplicissimus“ verarbeitet, der über Speers frühere Zeit und Erlebnisse als Heerpauker und Trombasch (Trompeter) in den kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan Auskunft gibt. Entstanden ist auf diese Weise ein „Eulen-Spiegel-Kabinett der Verweisungen“, in dem einiges, was fiktiv klingt, verbürgt ist – und umgekehrt, wie Lewin zu ihrem Buch schreibt.

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Frans Hals, Lesender Knabe – möglicherweise sein Sohn (um 1660)

Am 8. Januar wird die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Regisseurin und Dramaturgin 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch.

 

 

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