Schlafes Bruder

Der Monat November mit seinen vielen Toten-Gedenktagen lässt auch auf die Verbindung der beiden Motive des Todes und des schönen Knaben schauen, die literarisch häufig begegnet. So beispielsweise im Motiv des Knaben als Todesboten bzw. als Genius des Todes, das schon in der Antike begegnet:

Sleep_and_Death,_the_Children_of_the_Night_-_Evelyn_de_Morgan_(1883)

Evelyn de Morgan, Sleep and Death, the children of the Night (1883)

In seinem Gedicht „Wetternacht“ sieht Gottfried Keller den Tod „mit leicht beschwingtem Schritte durch die geheim erhellte Nacht“ kommen: „So wandelt her ein schöner schlanker Knabe.“ Und Friedrich Schiller lässt Luise in „Kabale und Liebe“ sprechen: „Nur ein heulender Sünder konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein holder, niedlicher Knabe, blühend, wie sie den Liebesgott malen.“ In Hugo von Hofmannsthals „Ballade vom kranken Kind“ (1892) wird der fiebernde Junge von einem schönen Knaben besucht, der sich, von der Mutter eingelassen, als Todesbringer erweist. Der Dichter Vergil hat in Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil Stunden vor seinem Ende die Erscheinung eines Knaben, Lysanias. Und als Genius des Todes erscheint dem sterbenden Gustav Aschenbach noch einmal der Knabe Tadzio am Ende der Novelle „Der Tod in Venedig“ (Thomas Mann): „Ihm war aber, als ob der bleiche und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er, die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu folgen.“ Von einem sanften Jüngling, der das Licht löscht, spricht Novalis in seinen »Hymnen an die Nacht«; eine Anspielung auf antike Darstellungen, die den Tod als Knaben mit umgekehrter Fackel in der Hand zeigen.

Ebenfalls als eine Anspielung mag man es sehen, wenn El Greco auf seinem Monumentalgemälde »Das Begräbnis des Grafen von Orgaz« seinen zehnjährigen Sohn Jorge Manuel, eine Fackel in der Hand tragend und auf den Verstorbenen weisend,  in dunkler Noblesse darstellte. –

ELGreco

El Greco, Das Begräbnis des Grafen von Orgaz (1586-88 – Ausschnitt)

„Ich erinnere mich, als ich im Dom von Florenz war und Michelangelos Pietà mit tiefer Empfindung betrachtete. Dieses Meisterwerk, gewöhnlich im Schatten, wurde in diesem Moment von einem großen silbernen Leuchter erhellt. Ein kleiner, vollendet schöner Chorknabe trat zum Leuchter, der so groß wie er selbst war, zog ihn zu sich heran und blies die Flamme aus. Worauf die wunderbare Skulptur ganz im Dunkel verschwand. Und das Kind schien mir den Genius des Todes vorzustellen, der das Leben auslöscht. Dieses Bild hat sich meinem Herzen unauslöschlich eingeprägt …“ (Auguste Rodin, Paul Gsell, Kunst. Gespräche des Meisters – 1912)

Doch ebenso häufig findet man in der Literatur auch den Tod des schönen Knaben beschrieben. „Auch das Schöne muss sterben! … Siehe! Da weinen die Götter, da weinen die Göttinnen alle, dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.“ (Friedrich Schiller, Nänie, 1800) – Im Buch „Tadzios Brüder“ sind etliche auch sehr ergreifende Beispiele gesammelt – wie der Tod dreier entzückender Brüder, die alle in kürzester Zeit an Scharlach sterben; nur ein vierter bleibt verschont und bleibt zugleich verstört zurück (Ernst von Wildenbruch, Der Letzte); das unfassbare Sterben des bildschönen zehnjährigen Wilhelm, Sohn von Wilhelm und Karoline von Humboldt, in Rom – oder der jähe Tod des kleinen Nepomuk Schneidewein, des „Elfenprinzchen“, in Thomas Manns „Doktor Faustus“.

Büchel-Hamlet

Jules Büchel, The young Hamlet (1890)

Klaus Mann, dessen Geburtstag sich am 18. November jährt, beschreibt in der Erzählung „Das Märchen“ aus seinem ersten Buch „Vor dem Leben“ (1925) auch den sonderbar anmutigen Tod eines sonderbar anmutigen Knaben: Eine kleine Festgesellschaft fährt des Nachts noch mit Booten auf ein Wasser hinaus; mit dabei auch ein Knabe, der dem Erzähler schon vorher begegnet war, weil er „so über alle Begriffe lieblich“ vor ihn hintrat, dass er „wie in Trauer die Augen schließen musste. Sonja streichelte ihm das Haar, während sie über ihn hinweg rasch und spöttisch zu mir redete. Aber ich konnte dem Sinn ihres Sprechens nicht folgen.“ Nun also fährt er mit Sonja und dem Knaben im Boot hinaus auf das dunkle Wasser. „Da geschah es, daß er, den wir alle liebten, sich spielend aus dem Nachen neigte, um sich also das silbrige Element durch die Finger rinnen zu lassen. Sei es nun, daß er das Gleichgewicht plötzlich verlor, oder daß das Wasser selbst ihn liebend, lockend hinunterzog, er glitt, ohne auch nur aufzuschreien, seitwärts aus dem Boot, sank in das sachte, sachte aufplätschernde Naß, das sich um den langsam Untergehenden lautlos schloß, ohne daß dieser die Hand nur noch einmal gehoben hätte. Keiner von uns sprach ein Wort, auch keine Bewegung kam auf, nicht einer regte sich, ihm zu helfen.“ Ein manieriert wirkendes frühes Werk, „ein Gedanke nur über das Wesen der Anmut“ (Klaus Mann).

Klimt

Gustav Klimt, Zeichnung seines toten Sohnes Otto Zimmermann (1902)

Doch oft vollendet der Tod die Schönheit des Kindes, bewahrt sie für einen Moment und macht sie zum Stilleben, zur „Natura morta“, wie Josef Winkler seine Erzählung über den Unfalltod eines römischen Marktjungen benannt hat (2001). –

Hermann Hesse hat in seinem Roman „Rosshalde“ aus dem Jahr 1913 auch das Leiden und Sterben eines Jungen, Pierre, beschrieben, den sein Vater immer wieder, auch während seiner Krankheit, gezeichnet hat. Auch nun, am Tag nach seinem Tod, betrachtet er noch einmal sein totes Kind, um es ein letztes Mal zu porträtieren: „Als das volle Tageslicht durch die Fenster seiner Kammer schien, wurde er wach, erhob sich sofort und ging an die letzte Arbeit, die er auf Roßhalde noch zu tun gesonnen war. Er ging in Pierres Schlafzimmer, zog alle Vorhänge weg und ließ den kühlen, herbstlichen Tag auf das kleine, weiße Gesicht und die starren Händchen seines Lieblings scheinen. Dann setzte er sich zur Bettstatt, breitete einen Karton aus und zeichnete zum letztenmal die Züge, die er so oft studiert, die er seit ihrer zarten Werdezeit gekannt und geliebt hatte und die jetzt vom Tode gereift und vereinfacht, aber noch immer voll von unbegriffenem Leide waren.“ 

So wird manchmal diese Schönheit eines Toten dann auch noch von der Kunst verewigt – wie es am Beispiel des Grabmals des 1787 mit gerade einmal acht Jahren verstorbenen Alexander Graf von der Mark sichtbar wird, des „Anderchen“, wie er von seinem ihn abgöttisch liebenden Vater, Friedrich Wilhelm I., König von Preußen, genannt wurde. Clara Viebig hat den Tod des Kleinen in ihrem Roman „Der Vielgeliebte und die Vielgehasste“ (1935) beschrieben – und auch das Grabmal, in dem Johann Gottfried Schadow den hübschen Buben scheinbar schlafend dargestellt hat, wie eben vom Spiel ausruhend.

AlexandervdMark

Gottfried Schadow, Alexander von der Mark, Grabmal (Ausschnitt – 1788/89)

 

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