Schönheit im Doppelpack

Eine ganz andere Art biographischen Bezuges gibt es in den Schriften der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel (1879–1964). In ihrem – nicht sehr umfangreichen, aber sehr tiefen und bis heute faszinierenden – Œuvre begegnen auch immer wieder schöne Knaben. In der Erzählung „Die Fahrt der sieben Ordensbrüder“ (1933), sicher eines ihrer bedeutendsten Werke, schildert sie die Begegnung christlicher Ordensritter mit der Familie eines heidnischen Prussenfürsten. Die Geschichte dieses Aufeinandertreffens zweier Kulturen, im Wesentlichen in zweitägiger Klausur niedergeschrieben, spielt im 13. Jahrhundert. Die Ordensleute unter Führung ihres Komturs Friedrich von Wolffenbüttel haben sich im Wintersturm verirrt und finden über Nacht Zuflucht am Hof des alten Preußenfürsten Dorgo, der im Sterben liegt. Hier begegnen sie auch den beiden jungen Enkeln des Fürsten, Herkus und Gaudins, zehnjährig der eine, etwas älter der andere, die von den Ordensleuten ob ihrer „lichten Schönheit“ verzückt angestarrt werden „wie eine Erscheinung“: „Der Hauskomtur trat einen Schritt vor. Der Knabe stand dicht vor ihm, mit blitzenden Augen, halboffnem erdbeerrotem Mund, die flachshellen Locken, die weit über die gestickte litauische Bluse hingen, standen wie ein Heiligenschein um das glühende Gesicht, das zu ihm aufsah.“ Der ältere, Herkus, war „wie sein Bruder schneeweiß gekleidet. Auch er trug in dem seidenen Flachshaar den grünen Rautenkranz. Aber sein engelhaft schönes Gesicht war so weiß wie der Leinenkittel. Schwarz brannten die großen blauen, tiefumschatteten Augen.“

Später beschreibt sie den Jüngeren, wie sich mit den Ordensleuten unterhält, sich anmutig hin- und herwendend, um mit allen zu reden: „Auf einem Thron den sie aus ihren Fellen und Kissen erbaut, saß der kleine Gaudins, heiß und strahlend, ein schiefgerücktes Rautenkränzchen in den verwehten Flachslocken, unablässig redend und lachend mit seiner süßen hellen Stimme.“ Als so liebreizend wird er dargestellt, dass auch der Hauskomtur Friedrich von Wolffenbüttel nicht an sich halten kann und dem Kind einen Kuss gibt – wohl nicht ahnend, dass es zusammen mit seinem Bruder in wenigen Minuten nicht mehr am Leben sein wird: Sie werden dem verstorbenen Fürsten als Totenopfer mitgegeben. Noch einmal aber zeigt sich ihre Schönheit, als die Mutter, einer mater dolorosa gleich, die beiden toten Söhne ansieht, wie sie auf einem purpurnen Leinensack, der jetzt über das Haupt des Fürsten gebreitet war, lagen: der Ältere, Herkus,  lang zur Rechten des Großvaters ausgestreckt, die Arme über der Brust verschränkt, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. „So schnell, so sicher war der Todesstoß geführt, daß nur ein schmaler Blutstreif auf dem weißen Leinenkittel über dem Herzen stand, daß noch ein wenig Farbe auf dem schönen Antlitz lag. Nur die Augen waren tief umrandet und der Nasenrücken trat scharf hervor. Der kleine Gaudins lag mit weitausgebreiteten Armen wie ein erfrorener weißer Schmetterling bäuchlings auf der purpurnen Leinwand. Seine Locken glänzten unterm welkenden Kränzchen, zierlich wie eine Muschel sah ein kleines Ohr aus den seidnen Ringeln, das eine der schlanken Beine mit dem weißen Ledersöckchen hing schlaff herab. Die Mutter hob es vorsichtig hinauf, legte es zurecht, streichelte es und legte die Stirn daran.“

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Gerald Fenwick Metcalfe, The Molson Brothers: Harold and Eric, ca. 1902

Der „schöne Knabe“ ist in der Literatur vielfach ein stehender Topos mit bestimmten „Grundtypen“ wie Prinzen und  Pagen. So konnte auch Agnes Miegel von Jünglingen sprechen, „schön, schlank und vornehm wie die jungen Prinzen“ („Die Blume der Götter“). In ihrer Erzählung „Apotheose“ sind es dann tatsächlich zwei Prinzen, die Enkel der Zarin Katharina, Alexander und Konstantin, die den Hof entzücken: „Mitten in dem langen schmalen Saal stand ein Knabe, ganz in weißen Atlas gekleidet, selbst das blonde Gelock wurde im Nacken von einer weißen Schleife gehalten, über den schaumigen Spitzen des Jabots blühte das schmale veilchenäugige Gesicht in rosiger Freude. Hinter ihm, vor dem eben wieder niederrauschenden silbergestickten Türvorhang verharrte ein schlankes, nicht mehr junges Fräulein in strengem braunseidnen Kleid und schlichtem weißen Häubchen auf dem glatt zurückgestrichnen Haar, die einen kleinen, ganz in Rosa gekleideten Knaben an der Hand hielt.

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Marie Spartali Stillman, The Enchanted Garden of Messer Ansaldo (1889 – Ausschnitt)

Im höfischen Umfeld sind es neben den Pagen auch andere Dienste, zu denen man gern einen schönen Jungen heranzieht, den Knappen etwa. In  Miegels Erzählung „Die Quelle“ sind es wieder zwei Knappen, Godefroy, den sein Herr, der Graf von Lusignan, fast mehr schätzt als seine beiden Söhne, und der zierliche Chretien, Knappe des Herrn Pierre de Montfort.

In der Antike, aber noch bis in das Mittelalter hinein, pflegte man schöne Knaben auch als Dienste bei Tisch zu haben; bekanntlich ließ der Göttervater Zeus den Jüngling Ganymed dafür sogar von einem Adler entführen. Miegel als gute Kennerin der Antike verwendet auch diesen Topos in ihrer Erzählung „Der Ruf“, in der Odysseus bei den Skythen zu Gast weilt und eingeladen wird, mit den Männern zu Tisch zu liegen: „Auf einen Wink des Greises brachte ein schöner, in gestickte Seide gekleideter Knabe nun gewärmten süßen Wein in kleinen Tassen aus einem fast durchsichtigen grünlichen Stein. Odysseus erhob sich, reckte die Hand mit dem Schälchen und goß, leise betend, den Wein auf den Boden. Andächtig sahen die Männer, sahen der Knabe und die Diener seinem Opfer zu. Odysseus trank die Schale leer, die der Knabe ihm nachfüllte.“  

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Anselm Feuerbach, Ricordo di Tivoli (1864-67 – Ausschnitt)

In der muslimischen Dichtung mutiert dieser bei Tisch dienende Knabe  zum „Schenken“; der persische Dichter Hafiz hat ihm manches Denkmal gesetzt. Goethe, der sich intensiv mit Hafiz befasste, nahm auch den Knaben-Schenken in seinen „West-Östlichen Diwan“ auf („Sommernacht“). Angeregt dazu wurde er durch die Bekanntschaft mit dem zwölfjährigen Sohn des Orientalisten Paulus, der Charme, Intelligenz und etwas „Munteres, Neckisches“ besaß. In ihrem „Märchen von Ali, dem Dichter“ beschreibt Agnes Miegel in einer Szene, in der Ali den Zeltmacher Omar besucht, zwei solcher Schenken: „Sein graues Löwenhaupt ruhte im Schoß eines bekränzten Knaben, der auf seiner bebänderten Laute klimperte, während ein anderer, ihm in frecher Schönheit und Kleidung zwillingsgleicher Schenke aus silberner Kanne dunklen Wein in die angeschlagne grüne Schale goß, die Omar ihm hinhielt.“

Es gäbe noch andere Texte, auf die man eingehen könnte, die Erzählung „Der Erwählte“, die von einem Kind handelt, das „Erlesener“ genannt wird und tatsächlich von einer ebensolchen Erscheinung ist. Auf den kleinen Georg („der am besten aussehende aller Kunheims!“) aus der Erzählung „Die gute Ernte“, auf „Klein-Jungchen“ aus gleichnamiger Erzählung und andere. Und fällt auf, dass bei Agnes Miegel die Knaben nicht nur häufig „im Doppelpack“ begegnen, sondern immer wieder ähnlich und mit gleichen Merkmalen beschrieben werden, mit schöngeformten, zierlichen Ohren, erdbeerrotem Mund, blauen, schwarzumsäumten Augen, langbewimperten Augenlidern. Und vor allem immer wieder mit seidigen langen hellen Haaren oder Locken. Es ist wohl nicht abwegig zu vermuten, dass dies der Jungen-Typ ihrer nordischen Heimat war, den sie da vor Augen hatte.

Immer wieder begegnen in ihren Werken schöne Menschen, junge und alte mit ausdrucksstarken Köpfen. Ja, auch die besondere Schönheit des alten Menschen hatte sie im Blick. Möglicherweise kann man dies auch  mit ihrer Persönlichkeit in Zusammenhang bringen. Schon als Kind besaß sie, wie sie in dem Text „Nachklang“ schreibt, die „Freude am Schauen“ – auch am Anschauen der Menschen, die sie wert fand, „eingehend betrachtet zu werden“. Dieses Schauen umfasst auch die Bilder, die sie manchmal in ihren Visionen und Tagträumen empfing. Und es erklärt vielleicht auch ihre Liebe zum Detail, zum Adjektivischen, die ja gerade die Besonderheit ihrer Texte ausmachen, etwa wenn sie das „schiefgerückte Rautenkränzchen auf den verwehten Locken“ eines Knaben beschriebt.

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Annie Louisa Robinson Swynnerton (1844–1933), Geoffrey and Christopher Herringham

Schöne Namen fand sie „verlockend“, wie den Namen „Sigskald“ aus dem Buch von Felix Dahn „Sind Götter?“, das sie als Kind las; eine frühe Begegnung mit der Literatur. Übrigens wurde auch der Historienschriftsteller Felix Dahn nicht müde, in seinen Romanen mädchenschöne gelockte Knaben auftreten zu lassen, bevorzugt germanischen Typs. So ist vielleicht schon von Kindheit an bei ihr eine Neigung zum Schönen grundgelegt: Auf einen interessanten Zusammenhang wies sie selbst in einem Radiogespräch von 1959 hin, als sie auf eine alte Freundschaft zu sprechen kam: „die Freundschaft mit der jüngsten Tochter von meines Vaters bestem Freund, Elisabeth, und sie war schon, ehe ich geboren wurde, an meine Mutter ausgeborgt, weil sie ein wunderschönes Kind war, damit ich hübsch werden sollte nach dem damaligen Glauben.“ Und schließlich mag auch ein Wort auf sie zutreffen, das sie in ihrer Erzählung „Der Federball“ über Madame Poirier sagt, „die selbst sehr schön war und darum Schönheit besonders schätzte“.

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