Veränderung

Des 55. Todestages und des 140. Geburtstages von Hermann Hesse kann man in diesem Sommer gedenken. Die Zeit der Adoleszenz war für den Literaturnobelpreisträger ein immer wiederkehrendes Thema, und es sind ja auch häufig Heranwachsende, die sich in seinen Romanfiguren wiederentdecken, ihre Wünsche, Fragen und Probleme in ihnen gespiegelt sehen. Zahlreiche schöne Jungen hat Hesse in seinen Büchern und Aufsätzen beschrieben, aber auch die Veränderung und Vergänglichkeit dieser Schönheit – wie am Beispiel Goldmunds, der alt und mit grauen Strähnen, Bart und Falten wieder zum Kloster zurückkommt, wo er einst als bezauberndes Kind war, der aber noch immer von seinem früheren Freund und Lehrer Narziss geliebt wird (Narziss und Goldmund, 1930). Oder auch am Beispiel Knulps. Der heruntergekommene Landstreicher war in der Schule einst Banknachbar des jetzigen Arztes Dr. Machold – und dieser kann sich der Rührung kaum erwehren, als er den alt Gewordenen sieht:

Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche zwölfjährige Glut des rassigen Buben. – „Armer Kerl,“ dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob sich rasch, um an die Arbeit zu gehen. (Hermann Hesse, Knulp, 1915)

Adam Emory Albright, Two boys fishing (1908)

In der Erzählung „Erwin“ (1899) hat Hesse seine Schulzeit in Maulbronn ein Stück weit aufgearbeitet, wie er es später in „Unterm Rad“ auch tat. Er beschreibt, wie er sich abseits der Schule zum Homer-Lesen gleichsam in die Büsche schlägt und dort entdeckt wird: „Ich hörte nicht, wie einer meiner Mitschüler sich leise näherte. Plötzlich stand er neben mir, die grüne Mütze in der Hand tragend. Er war schlank, schön gebaut und hatte ein blasses, feines veränderliches Gesicht. Er hieß Erwin.“ Die beiden freunden sich an, doch Erwin ist krank; mit Erschrecken nimmt der Erzähler in den kommenden Jahren seine Veränderung wahr. Einmal besucht er ihn und stellt fest:

Josef Neugebauer, Knabenbildnis

Erwin war schön geworden. Sein Gesicht, dessen „klassische Nase“ im Kloster sprichwörtlich war, hatte eine helle, gleichmäßige Blässe und die Stirne ein klares Licht. Die Lippen waren voll und röter als früher. Seine Augen, in welche ich einstmals verliebt gewesen war, hatten einen reinen, gütigen Blick, wie ich ihn nur an Jünglingen kenne, die durch Leiden und fortwährenden Ernst der Gedanken frühreif sind. An diesen großen, verklärten Augen sah ich auch, daß Erwin krank war. Sie hatten den Glanz, aus welchen man gewissen Kindern ein kurzes Leben prophezeit. – Ein Jahr nach diesem Besuch stirbt Erwin; noch einmal kann er seinen Freund auf dem Totenbett betrachten: Das Gesicht war nicht verändert: es war schön und adlig anzusehen mit der starken Stirne und den überzarten Augenlidern. Die Haare waren zurückgekämmmt. Ich fuhr mit der Hand darüber, sie waren weich und angenehm zu berühren. Er hatte es oft geduldet, von mir so gestreichelt zu werden, wenn er müde oder gedankenvoll war und nicht gerne sprechen mochte. 

Auch andere Autoren und Autorinnen spüren dieser Veränderung nach und drücken sie in ihren Werken aus:

Mit jähem Mitleid erkannte Maria, dass es nicht allzulange dauern würde, bis dieser Knabe zum Mann geworden wäre. Zu einem schönen, zu einem liebenswerten Mann sicherlich. Aber dies große Anmut, der zärtliche Hauch des Gottes würde nicht mehr sein.“

Orest Kiprensky, Young gardener, 1817

So beschreibt die Schriftstellerin Grete Weil  in ihrer Erzählung „Erlebnis einer Reise“ (1932) die Empfindung einer Frau angesichts eines schönen Jungen. Johnny, so heißt der Junge, wird von einem jungen Paar, Peter und Maria, als Anhalter mitgenommen und bleibt danach noch eine kurze Zeit bei ihnen, so dass beide Eindrücke von ihm gewinnen können und ihn auch lieb gewinnen. Als Maria ihn einmal näher betrachtete, fand sie Linien des Alters in seinem Gesicht – und ihr wird schlagartig seine Vergänglichkeit bewusst …

Es ist ein altes und immer wiederkehrendes Motiv in der Darstellung des schönen Knaben in der Literatur: die Wehmut über seine Vergänglichkeit. Schon in der antiken Dichtung war dies ein topos. In seinen Oden besang Horaz etwa einen Knaben namens Ligurinus, dessen Mannwerdung er bekümmert kommentierte:

O du Grausamer noch und mit der Huld Cyprias Prangender! / Wenn dir bald unverhofft gelblicher Flaum, Stolzer, das Kinn umsproßt, / und der Schulter ihr lang rollendes Haar unter dem Stahl entsank, / auch die Farbe, die nun rötlicher als purpurne Rosen blüht, / bald erblaßt, und ein rauhbärtig Gesicht dir, Ligurinus, starrt: / Seufzen wirst du, so oft spiegelnd du schaust dich den veränderten: / Ach! warum nicht, wie heut’ denket das Herz, dacht’ es dem Knaben so, / oder jetzo warum kehrt nicht dem Sinn voriger Wangenreiz? (Oden IV,10 – übers. von Johann Heinrich Voß, 1893)

die_drei_lebensalter_des_manne

Giorgione, Tre età dell’uomo (1500–1501)

Mögen da auch  sexuelle Motive eine Rolle gespielt haben, so gibt es doch auch das Bedauern über den Verlust all dessen, was mit der Knabenhaftigkeit verbunden ist: Die Ausstrahlung, die Anmut verfliegt, der Knabe wird „gewöhnlich“, wie es Frank Wedekind am Ende eines Gedichtes auf einen Jungen schreibt ( Vergänglichkeit, aus: Die vier Jahreszeiten – 1905):

Noch bist du Cherub. Wenige Wochen, / Dann ist wohl die Knospe schon aufgebrochen; / Dann blickst du mit grimmem Schauder auf mich, / Der dir so zärtlich die Locken strich. / Wie schade, daß alles Schöne vergeht, / Auch deine Hoheit. Die Pubertät / Macht dich den übrigen Flegeln ähnlich. / Der Duft ist hin und du wirst gewöhnlich.

Eben diese rasche Vergänglichkeit veranlasste Germaine Greer, dem Knaben mit ihrem Buch „The beautiful boy“ („Der Knabe“ – 2003), ein Denkmal zu setzen: „Ich nehme für alle Frauen das Recht in Anspruch, an der flüchtigen Schönheit des Knaben Gefallen zu finden.“

Die Trauer ist nicht nur ein Gefühl angesichts der Veränderung im Äußeren eines jungen Menschen, sie stellt sich auch ein als Erkenntnis der Vergänglichkeit jeglichen Lebens. Friedrich Theodor Vischer, der schon im Kapitel über den Mythos des Hirtenknaben zitiert wurde, beschrieb in seinen „Briefen aus Italien“ (1840) auch einen Weihnachtsabend, der ihn nachdenklich machte:

Bonifazi, Adriano; Head of an Italian Boy; Paintings Collection; http://www.artuk.org/artworks/head-of-an-italian-boy-32271

Adriano Bonifazi: Head of an Italian Boy (1875)

Es gieng sehr lustig her, ich war aber nachdenklich und in mich gekehrt, denn ich hatte mich diesen Abend verliebt. Es sahen die Kinder der Hausleute Anfangs zu, darunter ein Knabe von etwa 9 Jahren, bleich, herrlich schwarze Locken, das edelste südliche Gesicht und lange schwarze Wimpern über den dunklen grossen Augen. Ich machte Reinick auf den bildschönen Jungen aufmerksam und sagte, er erinnere mich an gewisse Bilder von Velasquez, und wirklich bestätigte sich meine Meinung, denn der Junge hat eine spanische Mutter. Dieses Bild schwebte mir den ganzen Abend vor, ich dachte an so allerhand, an Plato und was er sagt von schönen Knaben, wie der Weise erschrickt und erstaunt, wenn er das Urbild der Schönheit plötzlich verwirklich sieht, und an das Symposion, und wie diese Welt Plato’s verschwunden sei, und wie auch dieser Knabe verblühen werde, und ich weiss selbst nicht, was Alles, ward still und trollte mich nach Hause.

Nicht nur der fremde, auch der eigene Blick kann wehmütig zurückgehen; und nicht nur der Verlust der Jugend mit ihrer Unbeschwertheit wird bedauert, sondern das verloren gegangene einstige Aussehen wird als „narzisstische Kränkung“ empfunden: Der Sexualforscher Magnus Hirschfeld zitiert einen Mann, der dies so ausdrückte: „Es tut mir so herzlich leid, daß ich kein Junge mehr in kurzen Hosen sein darf. Ja es kommt mir so vor, als wenn mit der ersten langen Hose auch alles überirdisch Schöne verschwinden müsste“ (Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde, Band 3 – 1930).

Im siebten Band seiner „Deutschen Chronik“ beschreibt der Schriftsteller Walter Kempowski seine Haftstrafe im Bautzener Gefängnis, die er wegen angeblicher Spionage von als junger Mann von 1948 bis 1956 absitzen musste (diese mehrjährige Haftstrafe verarbeitete er auch in seinem ersten Buch überhaupt: „Im Block. Ein Haftbericht“). Unter den Gefangenen gibt es einen ehemaligen Studienrat, Jochen Opitz, der vor allem junge Leute um sich schart und mit ihnen „geistige Studien“ zu treiben sucht. Auch der junge Walter gehört zu ihnen. In einem Gespräch mit ihm kommt Jochen Opitz auf seine eigene Jugend zu sprechen und sinniert: „Als Kind sei er hübsch gewesen, habe lange schwarze Wimpern gehabt und einen elastischen Gang.“ An den „David“ von Donatello fühle er sich dabei erinnert, die Skulptur mit dem Gärtnerhut auf dem Kopf, die trotz oder gerade wegen des Hutes und der hohen Stiefel noch nackter, ausgezogener wirke und wie dargeboten: „So sähe er sich heute, wenn er an seine Jugend denke. Die Leute wären auf der Straße stehengeblieben, die hätten sich umgedreht nach ihm“ (Walter Kempowski, Ein Kapitel für sich – 1975).

Michel Tournier bringt diese traurige Veränderung in seinem „Erkönig“ auf die simple Formel – kleidet sie aber in ein schönes literarisches Bild: Sein Protagonist Abel Tiffauges beobachtet in der Werkstatt einen Jungen, der die Pinocchio-Geschichtes von Collodi liest, und muss dabei auch an jene Szene denken, in der Pinocchio und sein Freund Lumignon, weil sie in der Schule schlecht lernen, in Esel verwandelt werden. Und da fällt ihm ein, dass er die böse Fee, die einen kleinen Jungen in einen Esel verwandelt, kennt: Es ist die Fee Pubertät: „Der zwölfjährige Junge hat ein Ebenmaß und und eine Blüte erreicht, die nicht mehr zu übertreffen sind und die ihn zum Meisterwerk der Schöpfung machen. Er ist froh, selbstsicher, voll Zutrauen in die Welt, die ihn umgibt und die ihm vollkommen in Ordnung scheint. Er ist von Angesicht und Gestalt so schön, dass alle menschliche Schönheit nur der mehr oder weniger ferne Abglanz dieses Alters ist. Und dann kommt die Katastrophe. Alle Greuel der Männlichkeit […] vereinigen sich nun an in diesem vom Thron gestürzten kleinen Prinzen.“ Mager, linkisch, picklig, nach den Lastern der Erwachsenen gierend: „kurzum: ein Heranwachsender.“ (Michel Tournier, Der Erlkönig – 1984).

Es ist faszinierend, Bilder aus dem Leben eines Menschen zu betrachten und dabei zu sehen, wie sich aus dem Kindergesicht allmählich das eines Erwachsenen bildet, wie dieser reift und doch bis ins hohe Alter unverkennbare Züge behält, die schon das Kindergesicht prägten. Auch bei der Begegnung mit Bekannten, die man vielleicht seit ihrer Jugend nicht mehr gesehen hat, sucht man unwillkürlich in den älter gewordenen Zügen das Gesicht von einst wiederzufinden. Hier prägt sich das Leben ein – aber es wird auch zum Zeugnis der Vergänglichkeit.

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Francesco I. de‘ Medici (1541–1587)

Johann Kaspar Lavater, der sich eingehend mit der Physiognomie der Menschen befasste (Von der Physiognomik – 1772), war skeptisch gegenüber der Vorstellung, im Knabengesicht bereits den späteren Mann ausgebildet zu sehen:

Mich deucht, den Teig oder die Masse sehe ich wohl im jugendlichen Gesichte, aber nicht so leicht die Form des künftigen Mannes.

Es gibt Leidenschaften und Kräfte der Jugend und Leidenschaften und Kräfte des Alters. Diese widersprechen sich oft in demselben Menschen, und dennoch sind die einen in den andern eingeschlossen. Nur die Entwickelung zeichnet die Züge aus, die sie ausdrücken. Der Mann ist doch nichts, als der Jüngling durch’s Vergrößerungsglas angesehen. Also finde ich immer im Mannsgesichte mehr, als im Knabengesichte. (Kaspar Lavater, Physiognomik. Über jugendliche Physiognomien, 33. Fragment)

Er trauerte im Übrigen seinem eigenen Knabengesicht nicht nach. Den Kindersinn freilich wünschte er sich zu behalten – auch im Alter:

Der mich schuf, schuf mich nicht zum Knaben, sondern zum Manne Was, mich in die sorgenlosen Jugendtage zurückträumen? Ich bin nun, wo ich bin; vergessen will ich, was hinter mir ist, und nicht weinen, daß ich nicht mehr Kind bin, wenn ich Kinder sehe in aller ihrer unbeschreiblichen Liebenswürdigkeit. Mann mit Manneskraft und mit Kindersinn! das höchste Ziel meiner Wünsche, und, gebe Gott, meiner Bestrebungen!

FM

Ferdinand Maximilian (Maximilian I. von Mexiko), 1832–1867

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