„vollkommen“

„Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war.“ – Ein berühmt gewordener Satz aus Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“, von verschiedenen Schriftstellern immer wieder zitiert, wenn ihnen einen ähnliche Begegnung widerfuhr oder sie eine solche illustrieren wollten – wie es in einem anderen Beitrag schon dargestellt wurde (Ikone Tadzio).

1924 Charlotte Nichols Greene and her Son Stephen

John Singer Sargent, Charlotte Nichols Greene and her Son Stephen (1924)

Vollkommenheit meint hier nicht den Gesamteindruck eines Menschen aus Körperm Geist und Seele, sondern zunächst nur seinen äußerlichen. In diesem Veständnis wird bei der Beschreibung eines Knaben in der Literatur häufig das Wort „vollkommen“ verwendet – als Ausdruck einer Erscheinung, die nicht zu übertreffen ist. In dem Buch „Der Junge“ beschreibt der südafrikanische Nobelpreisträger J. M. Coetzee seine Kindheit etwa von seinem zehnten bis dreizehnten Lebensjahr, seinen Schulalltag, seine Familie, insbesondere das Verhältnis zu seiner geliebten Mutter. Einmal geht er mit ihr über ein Stück Gemeindeland beim Bahnhof, schräg über den Platz kommt ihnen ein anderer Junge entgegen: „An dem Jungen ist nichts Ungewöhnliches. Er ist farbig, aber Farbige sind überall. Er trägt Hosen, so kurz, dass sie über seinem hübschen Po spannen und seine schlanken, lehmbraunen Schenkel fast nackt lassen. […] Der Junge geht in geringer Entfernung an ihnen vorbei. Er ist mit sich selbst beschäftigt, er schaut sie nicht an. Sein Körper ist vollkommen und unverdorben, als sei er erst gestern aus dem Ei geschlüpft.“ (J. M. Coetzee, Der Junge – 1998)

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Emile Levy, Etude de jeune garçon

In einer kleinen Erzählung von Anna Seghers ist es ein äthiopischer Junge, der drei italienischen Geologen wegen seines Aussehens auffällt: „Man wandte sich mit einige Fragen, den Weg betreffend, an den Alten, den Ato, der ihnen Essen und Trinken brachte. Dabei half ihm der Knabe. Der gab auch Auskunft in einem Gemisch Italienisch-Amharisch. Rossi legte den Arm um seine Schulter, er fragte die Freunde rasch: ‚Habt ihr schon mal so was Schönes gesehen?‘ Und wirklich, jetzt, da sie ausgeruht waren und Muße hatten zum Betrachten, bestätigten sie: Der Junge war wirklich beinah vollkommen. Ein Schimmer Gold aus der Haut heraus, aus dem Haar, aus den Augen. Und dieser niemals geknickte Schwung in jeder seiner Bewegungen von den Brauen bis in die Fingerspitzen.“ Anna Seghers, Der Führer (Die Kraft der Schwachen – 1965)

Hier ist es also auch die Anmut, die „Schönheit in der Bewegung“, wie diese auch definiert wurde, die vollkommen wirkt.

Es fällt auch auf, dass gern fremdländischen Kindern dieses Attribut der Vollkommenheit beigegeben wird. Die Farbe und Beschaffenheit der Haut, die natürliche Bewegung auch in der Nacktheit schaffen diesen Eindruck.„Wie ich mich umschaue, gewahre ich etwas Außerordentliches, das Schönste vielleicht dieses schönen Tages: ein Kind, ein Knabe liegt ausgestreckt auf dem schrägen Stamm einer jungen Palme. Er ist nackt, bekleidet nur mit seiner braunen seidigen Haut, und er ist vollkommen, so wie Gott den Menschenleib erdachte. Er wiegt sich gemächlich auf seinem Palmbaum und blickt mit ruhigen tiersanften Augen zu uns her. Aber um einen Herzschlag zu lange staunten wir ihn an. Schon gleitet er von seiner Schaukel und geht davon.“ (Richard Wolf, Der östliche Bogen: von Tschangscha nach Colombo – 1943)

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„So wie Gott den Menschenleib erdachte“: Ganz ähnlich beschreibt Max Frisch in seinem Roman J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen (1944) einen Elfjährigen, der einen Sommer lang viel mit einem Gärtner zusammen ist, Anton, der im Laufe dieser Zeit geradezu in den Jungen vernarrt ist, „in das Gesunde, Saubere, Unverbrauchte, in das zärtlich Straffe seiner linkischen Gestalt. Seine Zähne, seine flaumige Haut, sein bürstenhaftes Bubenhaar, das er wie einen blonden Igel auf dem Kopf trug, alles an dem Lümmel erschien auf eine quälende Weise vollkommen, makellos wie ein guter Apfel, so rundum geraten, wie sich der Herrgott vielleicht den Menschen geträumt hat. […] In den Badehosen war Peter vollends ein kleiner Gott, er stand auf einem schwimmenden Balken im nassen Glanz seiner geschmeidigen Glieder, im Spiel seiner schlanken Muskeln, lachte aus einem perlenden, in Nässe blinzelnden Gesicht, kreischte vor Freude, wenn er die größere Schwester von dem Balken hatte stoßen können. Anton vertrug es nicht immer.“

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Julius Schnorr von Carolsfeld ( 1794–1872), Knabenakt

Es ist auch eben dieses Alter, in dem der Knabe vielen als „vollkommen“ gilt: „Als er zwölf Jahre alt geworden war, hatte ihn Gott mit Anmut und Schönheit, Glanz und Vollkommenheit, aufrechtem und ebenmäßigem Wuchs bekleidet, als hätte der redegewandte Dichter über ihn die Verse gedichtet: Er ist in seiner Anmut vollkommen wie der Mond. / Sein eleganter Wuchs ist so, wie schlanke Zweige stehen. / Der Vollmond steht auf seiner Stirn, und in dem roten Mohn / Auf seiner Wange kannst du die Sonne sinken sehen. / Er ist der Herr der Schönheit, und es ist, als würde wohl / Die Schönheit aller Menschen von ihm allein ausgehen.“ (Muhsin Madi / Claudia Ott, Tausendundeine Nacht. Die vierundsiebzigste Nacht – 2016)

Michel Tournier bringt es in die schon zitierten Sätze: „Der zwölfjährige Junge hat ein Ebenmaß und und eine Blüte erreicht, die nicht mehr zu übertreffen sind und die ihn zum Meisterwerk der Schöpfung machen. Er ist froh, selbstsicher, voll Zutrauen in die Welt, die ihn umgibt und die ihm vollkommen in Ordnung scheint. Er ist von Angesicht und Gestalt so schön, dass alle menschliche Schönheit nur der mehr oder weniger ferne Abglanz dieses Alters ist.“ (Michel Tournier, Der Erlkönig, Fischer-Verlag Frankfurt am Main 1984.)

Das „Ebenmaß“: Auch das wird immer wieder zur Beschreibung bemüht: „Zwischen Palmen und kaktusartigen bizarren Pflanzen lag ein tiefblaues Wasser. Ein silberfarbener Kahn fuhr langsam und lautlos auf uns zu, ihn lenkte ein nackter Knabe von griechisch-klassischem Ebenmaß. Ob ich wollte oder nicht: ich war glatt erschlagen von dieser Feerie. Indes, zum Gaffen blieb keine Zeit. Wir stiegen auf Marmorstufen zum Wasser hinab, und der Kahn brachte uns hinüber an eine zweite Marmortreppe. Er glitt von einer unsichtbaren Kraft getrieben dahin. Der schöne Fährknabe stand einer Statue gleich aufrecht hinter uns und träumte ins Grenzenlose.“ (Hermann Harry Schmitz, Der Aesthet  – 1916)

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Johann Gottfried Seume, bekannt wegen seines Buches „Spaziergang nach Syrakus“ findet auch in diesem Alter die vollkommene Schönheit des Menschen ausgebildet, weitet aber den Zeitraum aus: „Wenn es wahr ist, was Kant an irgend einem Orte sagt, – und mich däucht, daß es wahr ist, – daß nämlich wahre, reine Schönheit keinen Charakter weder des Geistes noch des Witzes noch des Tiefsinnes noch irgend einer Eigenschaft zeige, so ist gewiß die Form der Kinder vom fünften bis zum fünfzehnten Jahre ausgemacht die schönste. Hier ist die Form zwar schon zu ziemlicher Vollkommenheit entwickelt, aber doch noch immer rein, biegsam, schmelzend, der Umriß so rund und so fein, so leicht und so schwer. Kein Geist, kein Witz, kein Tiefsinn sitzt auf dem Gesicht: liebliche Unbefangenheit ist darüber verbreitet.

Jeune Garcon Pieds Nus attributed To Nicolas Bernard Lepicie

Junger Knabe mit nackten Füßen, Nicolas Bernard Lepicie zugeschrieben

Keine Leidenschaft hat ihre Züge eingegraben: ein leichter Schleier, eine zitternde Empfänglichkeit für alle fährt strahlend augenblicklich darüber hin und läßt keine merkliche Spur zurück. Das Kind ist Alles und ist Nichts. Es kann das Prototyp wahrer, reiner Schönheit, der Gegenstand reines ästhetischen Genusses sein, abgezogen von allen übrigen Verhältnissen und Rücksichten.“ (Johann Gottfried Seume, Obolen (1837) 

So kann also auch der kleine Junge schon diesen Eindruck des Vollkommenen hinterlassen:

„Als sie die Gaststätte verließen, hatte der Wind die Wolken vertrieben. Im klaren, kalten Licht des Aprilnachmittags leuchteten die weiß getünchten Wände der Schulgebäude auf. Ein Kind, ein etwa sechsjähriger Junge mit zerzausten Haaren, lief einem Wurfring nach. Für den Bruchteil einer Sekunde geriet er ins volle Sonnenlicht. Hilde Dodin schien, sie habe noch nie einen Menschen von so vollkommener Schönheit gesehen. Sie wollte den Sohn auf den Kleinen aufmerksam machen, aber als sie in Ronalds verdrossenes Gesicht blickte, unterließ sie es.“ (Jutta Schlott, Das Liebespaar vom Körnerplatz – 2006)

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