Der junge Page

Es wurde in diesem Augenblicke leise an die Thür geklopft und ein Page, ein bildschöner Knabe von zwölf oder dreizehn Jahren, trat ins Zimmer und meldete, daß das Abendessen bereit sei.

Edouard Charlemont, „Die Pagen“ (1889 – Ausschnitt)

Wollte es nicht gleich gelingen, einen heitern Ton hervorzurufen, so ließ sie die beiden Pagen, Weyhe und Gustedt, kommen, die durch ihr aufgewecktes Wesen und den Eifer, mit welchem sie sich um die Gunst der Königin bewarben, oft herzliches Gelächter hervorriefen. Sie waren beide von gleichem Alter, etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt, groß und schlank gewachsen, von anmuthiger Gesichtsbildung und hellem, klaren Verstande. Gustedt, der feiner und zarter Gebaute, war blond und hatte große sprechende Augen, die er ins einer kindlichen Einfalt unverwandt auf die Königin richtete, als ob er in Bewunderung ihrer Schönheit nicht ermüden könne; Weyhe dagegen war dunkel und hatte kohlschwarze Augen, die vor Begeisterung leuchteten, wenn seine Gebieterin ihm Gelegenheit gab, seinen Eifer für ihre Person an den Tag zu legen. (Adelbert Heinrich von Baudissin, Christian VII. und sein Hof – 1863)

Charles Robert Leslie, Harriet Sutherland-Leveson-Gower, Duchess of Sutherland (1839)

Der „hübsche Page“ ist in der (älteren) Literatur eine ähnliche  Standardfigur wie der „schöne Prinz“ – zumal seit der Wiederbelebung der höfischen Welt durch die Literatur des Sturm und Drang und der Romantik. Mit dem Niedergang der adligen Häuser verschwand auch der Page allmählich aus dem wirklichen Leben, nur manchmal – etwa am englischen Königshof – kann man Pagen erleben oder von ihnen lesen.

„Auf dem See, dessen Wellen die äußersten Häuser unserer Stadt treffen, fahren in einem kleinen Nachen eine Edeldame und ein Edelknabe. Die Dame ist äußerst reich und kostbar gekleidet, der Knabe bescheidener. Er ist ihr Page. Er rudert, und dann hebt er die Ruder empor und läßt das Tropfwasser wie Perlen ins große liegende Wasser hinabstürzen. Es ist still, wunderbar still. […] Die Dame ist schön und lieb. Ich kenne keine Dame, die nicht schön und lieb wäre. Diese aber, in einer so reizenden süßen, von der Sonne und von der Farbe verklärten Umgebung, ist es besonders. Auch ist sie ja eine vornehme Gräfin aus entschwundenen Zeiten. Der Knabe ist auch eine Gestalt aus früheren Jahrhunderten. Pagen gibt es keine mehr. Unser Zeitalter bedarf ihrer nicht mehr.“ (Robert Walser, Aus der Phantasie – 1902)

Früher wurde ein Junge nicht selten seines schönen Aussehens oder seiner natürlichen Anmut wegen zum Pagendienst gewählt; das passte in die höfische Lebenswelt. Eine entsprechende gesellschaftliche Stellung konnte das Ihrige dazu beitragen, zu Ausbildung ausgewählt zu werden:

Philip de László, Edward Charles Vane-Tempest-Stewart as a page at the coronation of King George V. (ca. 1911)

Neben Lorenzo hätte Titus Pfeil, das Söhnlein des Kommerzienrats, in seiner Fadenschlankheit und geschmeidigen Bewegung wohl denken lassen an einen blutjungen Dietrich von Bern. Magda Mortensen, die durch ihren Verkehr in der Kavalierstraße mit dem schönen Knaben geschwisterlich vertraut und gewissermaßen stolz auf ihn war, hatte zu berichten gewußt, daß sowohl Dr. Hasenschädel, der Prinzenerzieher, als auch Major von Flühe, der Pagenmeister, sich schon wiederholt geäußert hätten: es sei schade um den kleinen Pfeil; man müsse aber eben von Adel sein, um in die herzogliche Pagenschule eingereiht zu werden. (Karl Linzen, Die Künstler von Sankt Lukas – 1925) –

Zum Pagendienste bei den Zeremonien der königlichen Vermählung wurden aus der Armee eine Anzahl gerade solcher hübschen Bürschchen zusammengesucht und nach Paris berufen, und auch der zierliche junge Thibaut ward des Glückes teilhaft. Nach dem Schlusse der Festlichkeiten geschah es dann, dass unter anderem auch die sämtlichen Pagen in einem Salon des Versailler Schlosses versammelt, gespeist und beschenkt wurden, eh‘ sie zur Heimreise auseinander gingen. (Gottfried Keller, Die Berlocken – Das Sinngedicht 1881)

Gerade ihr kindlich-schönes Aussehen brachte es mit sich, dass man sie oft nur bis zu einem bestimmten Alter im Dienst behielt; ähnlich wie man ja früher auch im kirchlich-katholischen Bereich vorwiegend Kinder im Ministrantendienst hatte, obgleich dieser nicht an ein Alter gebunden ist und man auch heute vielfach erwachsene Ministranten erleben kann.

Alexandre Cabanel, Jeune page en costume florentin (1881)

Sie hat einen Lieblingspagen zur Aufwartung um sich: einen hübschen Knaben von ungefähr zwölf Jahren, der aber ein naseweiser Bursche, sehr verwöhnt, und auf dem besten Wege ist ein Taugenichts zu werden. Er ist grün gekleidet, und hat eine Menge goldener Schnüre und vergoldeter Knöpfe an seinen Kleidern. Sie hat immer einen oder zwei Begleiter dieser Art, und ersetzt sie durch andere, sobald sie 14 Jahr alt geworden sind. (Washington Irving, Bracebrigde Hall oder Die Charaktere – ca. 1830)

Anthony war immer noch ihr Page, obwohl er sich mit Riesenschritten dem Alter näherte, da man ihn fortschicken würde. Fünfzehn war er jetzt, hochgeschossen und atemberaubend hübsch in seinen lebhaften Schwarzweißfarben. (Margaret George, Maria Stuart – 2001)

Es gab Pagen eigens für den Dienst bei Damen und für den bei Herren, wie es Julius Rodenberg, Die Straßensängerin von London (1863) humorvoll beschreibt:

Als das Frühstück sich seinem Ende nahte, und Mylord Miene machte, Messer und Gabel definitiv niederzulegen, erlaubte sich Mr. George noch einmal das Wort zu ergreifen und seinem nun scheinbar in jeder Beziehung befriedigten Vater mitzuteilen, daß er sich zu seiner bevorstehenden Reise bereits einen „Tiger“ angeschafft habe. Zur Beruhigung der friedfertigen Leserinnen, welche vor bengalischen Tigern eine gerechte Furcht ernähren, wollen wir hier sogleich sagen, daß ein Tiger im fashionnablen Leben von London nichts weiter bedeutet, als einen jener harmlosen kleinen Diener in blauen Jacken mit silbernem Knopfausschlag an der Brust, wie sie in neueren Zeiten fast ein jeder Herr von Stande hält. Die ganz eben so uniformierten Burschen heißen Pagen, wann sie im Dienst einer Dame stehen.

Page (ital., 19. Jh.)

Da Lord Hazlewood in der That gut gelaunt war, so wünschte er den Tiger seines Sohnes zu sehen, und nicht lange, so trat, gefolgt von dem alten Bill, dessen Kniee in der rothen Hose fast sichtbar zitterten, ein reizender Knabe in das Zimmer, in blauen Tressenhöschen und im blauem Jäckchen mit Silberknöpfen, auf denen der Löwenkopf und der Haselzweig des Hauses zu sehen war. Seinen Hut hielt er in der Hand, und sein Gesicht, von schwarzem Haar umflossen, mit schönen, großen, schwarzen Augen, senkte er erröthend zu Boden.

„Eh, ein hübscher Tiger!“ sagte Lord Hazlewood, indem er das Lorgnon nahm, um den vor ihm Stehenden zu prüfen. „Willst du mit dem Honourable Mr. George auf den Continent reisen, mein Tiger?“ – „Ja, Mylord!“ war die schüchterne Antwort. – „Das ist ein guter Tiger!“ sagte Mylord. „Charlie, bring‘ mir die Zeitungen in das Rauchzimmer!“

Aufgrund ihres Alters und ihres aufgeputzten Äußeren besaßen sie natürlich auch einen gewissen Niedlichkeitsfaktor:

„Einen sehr hübschen, blondgelockten Pagen, der ihr aus der Kanne nachschenken wollte, zog sie an den Schultern zu sich heran und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf die Stirn. ‚Schickt sich das?‘ flüsterte Pierre erstaunt. (Wolfgang Lohmeyer, Entscheidung am Nil – 2001). 

So konnten sich durchaus auch erotische Spannungen ergeben:

Giovanni Boldini, Ritratto del piccolo Subercaseaux

In Honoré de Balzacs Tolldreiste Geschichten (1823–37) richtet sich die Seneschallin in dem Lehnstuhl ihres Gemahls so lange zurecht, bis sie die anmutigste Lage herausgefunden hat, um auf die Art und Weise den kleinen grazilen Pagen René, der zu ihren Füßen liegen wird, zu verführen … vgl. Beitrag „Der erotische Blick“

– Manchmal richtet sich diese Sehnsucht aber auch umgekehrt von Seiten des Pagen  auf die Herrin, wie es Vicky Baum in ihrer kleinen Erzählung „Der kleine Page“ beschreibt (Schlosstheater – 1921):

Alexandre Nestor Nicolas Robert, A young page (1879)

Morgens darf der kleine Page der Marchesa das Frühstück ans Bett bringen. „Der kleine Page macht an der Türe eine tiefe, schweigende Verbeugung: sein schwarzes Haar legt sich dicht um die sentimentalen, schmalen Wangen: um seine Augen sind tiefe, blaue Ringe, wie unerfüllte Sehnsucht sie gibt: er hat einen sehr roten, wie in Abwehr zusammengepreßten Mund. Der kleine Page darf an das Bett der schönen Marchesa treten und ihre Fingerspitzen küssen: sie schauert leicht unter dem Druck dieser Lippen, die so heiß sind, wie ihre rote Farbe es verspricht. Sie sieht dem kleinen Pagen in die Augen und zwingt die scheu Abirrenden, an ihrem Gesicht, an ihrem sonnenblonden Haar, an der elfenbeinernen Brust mit dem blauen Gesicht der Adern haften zu bleiben …“ 

Dann darf der kleine Page zu Füßen des Bettes sitzen, wahrend die Marchesa frühstückt; wenn sie  ihr Frühstück beendet hat, darf er ihr die gestickten, kleinen Pantoffel an die schmalen Füße ziehen und darf sie begleiten, wenn sie zum Bade geht. Er darf ihr das spitzenleichte Morgenkleid abnehmen und vor dem Eingang des grottenartigen Baderaumes stehen bleiben. Wenn die Marchesa in der Gondel fährt, dann darf er mit der Gitarre kleine Liebeslieder vortragen. Bei Tisch darf der kleine Page hinter dem breiten Sessel der Marchesa stehen, ihre feinen Schultern dicht vor den Augen, und ihren Geruch in sich aufnehmen. Am Abend darf der kleine Page am Balkon zu Füßen der schönen Marchesa sitzen und Gedichte hersagen. „Er hebt sein schmales Knabengesicht zu den Wolken auf und mischt, ein zitterndes Fragen in den Augen, seine eigenen, heißen, jungen Strophen zwischen marmorschön geformte Sonette Petrarcas und leichtsinnig verliebte Verse irgendeines Modedichters.“ Später darf er mit einer Fackel in der Hand die schöne Marchesa zu ihrem Schlafzimmer begleiten, und danach vor dem Zimmer warten, bis der Marchese kommt oder der eitle spanische Gesandte, Don Miguel da Lara, der Liebhaber der Marchesa. „Der kleine Page steht im Schatten der Säule und gräbt in besinnungslosem Schmerz die Zähne in die Lippen, bis kleine, warme Tropfen roten Blutes hervorsickern. Dann aber darf der kleine Page in seine Kammer gehen, sich in das schmale, harte Knabenbett legen, und, ein Kissen aus rauhem Leinen im Arm, von der Marchesa träumen …“

Anton Ebert, Knabe. Zugesandt von David Rogers – herzlichen Dank!

Nicht nur der Page selbst wird als schöner Knabe beschrieben, „pagenhaft“ wird zum Kennzeichen einer bestimmten Art des feinen Jungen. „Er war schlank und wohlgebildet und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen lieben läßt.“ (Hugo Salus, Pietà – 1905)

Und auch die besondere Haartracht  lebt noch lange im  „Pagenschnitt“ und der „Pagenfrisur“ weiter: „Sein reiches, blondes, vorn nach Art der Pagen des fünfzehnten Jahrhunderts beschnittenes Haar gab ihm das Aussehen jenes Prinzen Richard, den Millais auf seinem berühmten Bilde ‚Die Kinder Eduards‘ dargestellt hat.“ (Luis Coloma, Lappalien – 1890)

 

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