Unvollendet und vollendet

David d'Angers, Pierre-Jean Carl-Filtsch1

Sie gehörten zu den gefeierten Kinderstars in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts , umschwärmt und gehätschelt, besonders von den Frauen, nicht nur wegen ihres Könnens am Klavier, sondern auch wegen ihrer Anmut und Ausstrahlung: der in Hamburg geborene Hermann „Puzzi“ Cohen und der aus Siebenbürgen stammende Carl Filtsch. Die Schriftstellerin George Sand hat beide aus nächster Nähe erlebt.

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Carl Filtsch, Lithographie von Josef Kriehuber (1844)

Ein Tod in Venedig

Carl Filtsch, 1830 geboren, bekam schon in jungen Jahren Klavierunterricht und wurde wegen seiner früh erkannten Fähigkeiten beim Wiener Hof eingeführt. Franz Liszt soll über den Elfjährigen, als er in Paris auftrat, zur Comtesse Marie d’Agoult, mit der er eine Beziehung pflegte, gesagt haben: „Wenn dieser Kleine auf Tournee geht, mache ich meinen Laden dicht.“

Filtsch wurde Schüler von Frédéric Chopin. Gegenüber dessen anderen Schülern genoss Carl eine Sonderstellung bei ihm; wenn er erschien, so berichtet sein älterer Bruder Joseph Filtsch, entschuldigte sich Chopin, keine Stunden geben zu können. Dann widmete er sich ganz Carl. „Mon petit gamin“ nannte er ihn, „mon garçon“.

Einmal lud Chopin eine Damengesellschaft; auch George Sand, Freundin Chopins, war dabei. Carl Filtsch konzertierte, begleitet von Chopin am Flügel, der den Orchesterpart übernahm. Der Kleine spielte wunderbar, das Ganze war ein bewegender Eindruck für alle. Danach wurden die Damen kurz verabschiedet, nur George Sand durfte Filtsch umarmen.

Chopin ging mit ihm auf Konzertreisen; in London brachte Filtsch in seinen Konzerten dessen Werke den Engländern nahe. Die englischen Zeitungen schildern ihn als einen schlanken Jungen voller Anmut, mit dunklen ausdrucksvollen Augen und einem bezaubernden Lächeln. In diesen Wochen war der für London „der interessanteste Junge, den es gibt“.

Er spielte nicht nur brillant Klavier, er komponierte auch (einige Stücke kann man sich auf Youtube anhören und -sehen). Doch bald schon erkrankte Carl Filtsch an Tuberkulose. Bäder-Aufenthalte in Venedig brachten keine Heilung. Er starb kurz vor seinem 15. Geburtstag und wurde auf dem Friedhof von San Michele beigesetzt. Die Grabplatte zeigt, wie ein Engel den Jungen an die Hand nimmt und ihm den Weg zum Himmel weist.

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Ein „putziger“ Heiliger?

George Sand hatte einige Jahre zuvor schon einen anderen kleinen Künstler in ihrer Nähe – ebenfalls einen Pianisten, Hermann Cohen. 1820 wurde er als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie in Hamburg geboren und erhielt schon bald Klavierunterricht. Wie aus heiterem Himmel, so schreibt Emmerich Karl Horvath in seiner Liszt-Biographie (1982), war Hermann bei dem 22-jährigen Liszt in Paris erschienen und hatte ihn gebeten, er möge ihn als Schüler annehmen.

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Herman Cohen als jugendlicher Pianist, Paris, um 1835

Der kleine Hermann wurde nicht nur Liszts Lieblingsschüler, sondern auch der Liebling der Damen. Er wurde von ihnen umringt und liebkost, in die Arme genommen und geküsst. Die Tageszeitungen feierten ihn, die Maler und Bildhauer stritten sich um die Ehre, ihn darzustellen. Der Knabe war hübsch und „putzig“. Ein Grund, warum er von Liszt „Puzzi“ genannt wurde. Sein langes Haar gab ihm ein mädchenhaftes Aussehen, dazu trug er eine entsprechende Künstlerkleidung. lm Winter 1834 hatte er durch Vermittlung Liszts alle großen Persönlichkeiten von Paris kennen gelernt u. a. auch George Sand. Sie schrieb über ihn: „Schuf der Himmel eine schönere Seele, einen ausgezeichneteren Verstand, ein interessanteres Gesicht, als die unseres Hermann oder vielmehr unseres ‚Puzzi‘?“ („Briefe eines Reisenden“, 1844)

Liszt, „Puzzi“, dazu die in Männerkleidung reisende George Sand mit ihren beiden Kindern müssen auf die Umgebung einen denkwürdigen Eindruck des Künstlerlebens gemacht haben, wie Sand es in ihren „Briefen eines Reisenden“ berichtet. Aus Genf war sie Liszt und seiner Entourage nach Chamonix nachgereist, wo sie in einem Hotel nach dem großen Meister fragte:

Da sind wir in Chamonix; der Regen fällt und die Nacht wird immer finsterer. Ich steige aufs Geradewohl in der Union ab, welche die Leute des Landes Oignon aussprechen, und diesmal hüte ich mich wohl, nach dem europäischen Künstler unter seinem Namen zu fragen. Ich richte mich nach den Begriffen des aufgeklärten Volkes, welches ich zu besuchen die Ehre habe, und entwerfe eine summarische Beschreibung von der Person: Zu enge Blouse, langes, unordentliches Haar, eingedrückter Strohhut, wie ein Strick zusammengedrehte Cravatte, für den Augenblick hinkend und gewöhnlich das Dies irae mit angenehmem Wesen trillernd.

Gewiß, mein Herr, antwortet der Wirt, sie sind eben angekommen; die Dame ist sehr ermüdet und das junge Mädchen guter Laune. Steigen Sie die Treppe hinauf, sie sind in Nro. 13. […]

Der erste Gegenstand, der unter meine Füße fällt, ist das vom dem Wirte sogenannte junge Mädchen. Es ist Puzzi, der auf einem Nachtsacke reitet, und so verändert, so groß geworden, den Kopf mit so langen, braunen Haaren bedeckt, und in eine so weibliche Blouse gehüllt, daß ich nicht weiß, was ich davon denken soll; und da ich den kleinen Herrmann nicht mehr erkenne, nehme ich vor ihm den Hut ab und sage: Schöner Page, sage mir, wo ist Lara?

Aus der Tiefe einer englischen Capote erhebt sich bei diesem Worte das blonde Haupt Arabellas; während ich zu ihr eile, fallt mir Franz um den Hals, stößt Puzzi einen Schrei der Überraschung aus und wir bilden eine unentwirrbare Gruppe von Umarmungen, während das Mädchen des Gasthofs, erstaunt zu sehen, daß ein so schmutziger Junge, den sie bisher für einen Jockey gehalten, eine so hübsche Dame wie Arabella, umarmt, das Licht fallen lässt und im ganzen Hause erzählt, Nr. 13 sei von einer Truppe geheimnißvoller, rätselhafter, dichtbehaarter Menschen besetzt, wo man nicht mehr sehen könnte, was Mann oder Frau, Diener oder Herr sei.

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Hermann Cohen im Habit der Unbeschuhten Karmeliten, 1850

Hermann Cohen schlug nach seiner „Kinderstar“-Zeit, die ihn später auch in manche Schwierigkeiten führte (er verschuldete sich stark durch seine Spielsucht), einen gänzlich anderen Weg ein: Er konvertierte zum Christentum, ließ sich taufen, trat in Frankreich dem Karmeliterorden bei und wurde zum Priester geweiht. Mit 51 Jahren starb er an einer Pockeninfektion, die er sich bei der Pflege französischer Kriegsgefangener in Berlin zugezogen hatte.

145 Jahre nach seinem Tod in Berlin soll Hermann Cohen selig gesprochen werden. Das kirchliche Verfahren wurde bereits im Januar 2016 seitens des Erzbischofs von Bordeaux, Jean-Pierre Ricard, eingeleitet. Cohen sei ein Karmelitermönch gewesen, „dessen ungewöhnliches Leben es verdient, bekannt zu werden“, begründete Erzbischof Ricard den Seligsprechungsprozess.

Ein anderer Weg zum Himmel.

 

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